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Wird Dessau-Roßlau zur Geisterstadt?
Wird Dessau-Roßlau zur Geisterstadt?

Stürmt Museen, Theater und Sportstätten

Veröffentlicht am Donnerstag, 11. Februar 2010

Das Theater ohne Ensemble? Die Südschwimmhalle ohne Wasser? Die Stadt ohne Feste? Das Naturkundemuseum geschlossen, die wissenschaftliche Bibliothek gleichfalls? Dessau-Roßlau steht vor dem finanziellen Ruin, Verwaltung und Politik sind – zu spät – entschlossen, die Notbremse zu ziehen. Und die Bürger? Sollen sie auf die Straße gehen? Resignieren? Oder, wie Oberbürgermeister Klemens Koschig mahnt, es als Ehrenamtliche richten? Nichts davon wird etwas an der Situation ändern. Statt dessen sollten wir unsere Steuern zurückfordern. Sofort.

Es klingt abgedroschen, sei dennoch wiederholt: Dessau-Roßlau hat seit Jahren über die Verhältnisse gelebt. Ob Technologie- und Gründerzentrum oder Stadtschwimmhalle – wann immer Fördermittel lockten, schnappte die Stadt zu, ohne über die Folgekosten nachzudenken. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer liegen kaum höher als die Kosten des Theaters (auch wenn dies zur Hälfte vom Land finanziert wird). Die Privatisierung der Kindergärten wurde systematisch boykottiert. Und wenn es im Vergleich auch nur um Peanuts geht: Der durchaus richtige Verweis Koschigs auf Land und Bund als Mitschuldige an der Misere – die Klage klingt hohl, wenn man sich erinnert, dass er im vorigen Jahr noch dem Schifferfest in Roßlau 30.000 Euro zukommen lassen wollte.

Nun gibt es eine Prüfliste. 83 Punkte umfasst diese, vom beschleunigten Personalabbau in der Verwaltung bis zum radikalen Verzicht auf kulturelle und soziale Angebote findet sich alles darin. Und man darf gewiss sein, dass in den kommenden Wochen und Monaten ein Hauen und Stechen einsetzen wird, wem wie viel zusteht, wessen Angebot als unverzichtbar gilt. Es droht die Wiederholung eines nicht nur in Dessau-Roßlau erprobten Prinzips: Gegeben wird, wer am lautesten schreit oder die fähigsten Einflüsterer besitzt. Am Ende würden ein Mal mehr die Bürger zahlen.

Die indes sollten sich endlich wehren, sich zurück holen, was sie längst bezahlt haben in Form von Steuern. Ob Theater, Schwimmhalle, Bibliothek oder Percussionkurs im Freizeitzentrum – viele kulturelle und soziale Angebote sind hochgradig subventioniert. Wer sie nutzt, bekommt einen Gegenwert für von ihm gezahlte Steuern, auf den er sonst zu Gunsten anderer verzichtet.

Jammern wir also nicht. Stürmen wir Museen und Theater und Bibliothek und Schwimmhalle und Tierpark, Freunde, Bekannte und Verwandte im Schlepptau. Holen wir uns Steuern zurück auf eine angenehmere Art als durch das Ausfüllen der Steuererklärung.

Unmöglich? Vielleicht. Aber den Versuch wert, statt darauf zu warten, dass Dessau-Roßlau, wie Theaterintendant André Bücker befürchtet, tatsächlich umbenannt werden muss – in Geisterstadt.

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