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Zé do Rock ist zu Gast im KIEZ-Kino
Zé do Rock ist zu Gast im KIEZ-Kino

Die Kuh, die die Ratte biss, war bescheuert

Veröffentlicht am Dienstag, 09. Februar 2010

Zé do Rock hat sich nachdrücklich für eine basisdemokratische Entscheidung über die die Rechtschreibung eingesetzt und rät dazu, mehr Gefühl zu wagen bei der Kommasetzung. Zum Auftakt der Zé-do-Rock-Woche im Kiez-Kino läuft der Video-Mitschnitt einer Lesung von Zé do Rock, der jedem Liebhaber der deutschen Sprache die Augen öffnet. "vom Winde verfeelt" – am Donnerstag, dem 11. Februar im Kiez-Kino.

Die Frau hinter dem Selbstbedienungs-Tresen bestätigte endlich, was er über die Deutschen wusste: dass sie ihr gesamtes Leben in einem einziges Käfig aus Regeln verbringen und selbst die kleinste Regelverletzung umgehend geahndet wird. "Voller ging?s wohl nicht", fauchte die Kassiererin ihn denn an, als er sein Glas mit selbstgezapften Orangensaft hinschob – er hatte den Eichstrich übersehen. "Aber", sagt Zé do Rock, "das war nach sechs Wochen, vorher habe ich das nie erlebt."

Weltwissen, nennt der Brasilianer das, was man andernorts über die Deutschen verbreitet: sie seien reich aber emotional verkrüppelt. Das wird einem der Engländer ebenso bestätigen wie der Russe oder eben der typische Brasilianer, der arm ist aber immer gut drauf, wie ebenfalls in der ganzen Welt bekannt ist. Oder stimmt das doch nicht? Während der Karnevalswoche ist Zé do Rock Gast im Kiez-Kino, und zeigt dort seine von manchmal bis ins Absurde reichenden Komik durchwirkten Film "Schroeder liegt in Brasilien", in der er dutzende Deutsche und Brasilianer bietet, von den jeweils anderen oder auch von sich und den Landsleuten zu erzählen. So führt er Brasilianer vor, die zwar behaupten, alle Brasilianer tanzten Samba, aber sie selbst? "Nö, no." Eine Deutsche erklärt auf einer Party, bei der ganz offensichtlich der Bär steppt, dass die Deutschen nicht feiern könnten. Und ganz nebenher erfährt der deutsche Zuschauer, der raufgeklärt von de Medien weiß, dass brasilianische Städte chaotisch und dreckig sind, Curutiba weltweit als eine der ökologischsten Städte gilt.

Zudem wird Zé do Rock in einer auf Video aufgezeichneten Show ("vom winde verfeelt") am 11. Februar zu erleben sein sowie am 17. um 19 Uhr live auf der Bühne des Kiez’, auf der er behauptet "jede Sekunde stirbt ein nichtraucher".

Zé do Rock stammt aus der zweitsüdlichsten Provinz Brasiliens, aus Landes Santa Catarina, wo manche Leute catarinisch sprechen, was eine unleugbare Ähnlichkeit hat mit dem Deutschen, sich aber nicht groß um Feinheiten wie Deklination und Konjugation schert. Als Jugendlicher verließ er Brasilien, machte sich auf eine Weltreise, die mit Unterbrechungen 13 Jahre dauerte und ihn durch 120 Staaten führte. Seit Jahren lebt er in München als Schriftsteller – und hat ein Vergnügen daran, den Deutschen die Absurditäten (und Schönheiten) ihrer eigenen Sprache vor Augen zu führen. Er preist die Fähigkeiten der deutschen Sprache, durch Zusammenfügung "jeden Tag 100 neue Wörter entstehen zu lassen", andererseits staunt er über deren "verkomplizierende Unexaktheit", wie sie sich etwa im Restmüll ausdrückt. Das signalisiere aber fälschlicherweise, dass es sich beim getrennt zu entsorgenden Papier oder Glas um Müll handele statt um Wertstoffe.

Sechs Problemfelder der deutschen Sprache hat Zé do Rock ausgemacht: die Aussprache, die Orthographie, die Zeichensetzung, die Deklination, die Konjugation und den Satzbau. Und die Besonderheiten des Deutschen bereiteten nicht nur Fremd- sondern auch Muttersprachlern Schwierigkeiten. Um nun nicht nur zu kritisieren, dass ein Satz wie "Die Kuh, die die Ratte biss, war bescheuert" den Tatbestand der Unverständlichkeit erfülle (wer beißt wen?), oder den Umstand zu beklagen, dass "spülen" ohne und "fühlen" mit h geschrieben werde, mache er sich an die Arbeit, entwickelte radikal vereinfachte Formen der geschriebenen und sogar der gesprochenen Sprachen (Ultradoitsh U) und propagierte die in seinen Büchern, auf Lesungen und Interviews. Würden Zé do Rocks Regeln konsequent angewendet, dass Klischee, Deutsch sei eine schwere Sprache, hätte keine Grundlage mehr.

KIEZ-Kino: "vom winde verfeelt", Literaturshow auf Video, 11.2., 5,00/4,00 Euro; Film "Schroeder liegt in Brasilien" 12. bis 16.2.; Live-Show "jede sekunde stirbt ein nichtraucher", 6,00 Euro

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