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Patrick Wudtke, Dirk S. Greis, Illi Oehlmann & Anna Gesewsky in „Familiengeschichten.Belgrad“LEO Glücksmoment
Patrick Wudtke, Dirk S. Greis, Illi Oehlmann & Anna Gesewsky in „Familiengeschichten.Belgrad“© David Ortmann

Kinderaugen und Kriegswunden

Veröffentlicht am Freitag, 01. April 2016

Vier Kinder spielen Krieg, auf einem Hochhausdach in Belgrad. Sie spielen nach, was die Erwachsenen ihnen vorleben: Fremdenhass, Kleinkariertheit, Gewalt. Das Stück „Familiengeschichten.Belgrad“ der serbischen Autorin Biljana Srbljanovi ist zwanzig Jahre alt und brandaktuell. Inszeniert von David Ortmann hatte es am 2. April im Alten Theater Premiere.

„Ich bring dich um! Dann bringe ich dich um! Und ich bringe dich noch einmal um!“ Die Kinder auf dem Hochhausdach spielen Vater, Mutter, Kind. Und es geht alles andere als liebevoll zu in dieser „Familie“: Die Kinder kochen, schreien, prügeln, streiten über Politik. Das Hochhausdach, das Bühnenbildnerin Sabine Schmidt für den Ort des Geschehens ausgewählt hat, wird zur Metapher: Die Kinder spielen hart am Abgrund.

„Das Stück nimmt die Perspektiven von Kindern ein, um den direkten Weg des Erzählens zu gehen“, sagt Dramaturgin Miriam Locker. „Was die Kinder in ihrer Umgebung – im Elternhaus, in der Öffentlichkeit, in den Medien – tagtäglich aufschnappen und erleben, spielen sie eins zu eins und ungefiltert nach: primitive, kleinkarierte Dummheit, Fremdenhass, archaische Denkmuster.“

Mittels Kinderperspektive seziert das Stück die vom Krieg verrohte serbische Gesellschaft Ende der 90er Jahre. Regisseur Ortmann geht es bei seiner Inszenierung aber um die Gegenwart: „Dieses Belgrad – obgleich wir es als konkreten Ort in Serbien zeigen – kann auch Luhansk in der Ukraine sein, Tripolis in Libyen oder ein Flüchtlingslager in Calais oder Halberstadt. Wir möchten mit dieser Produktion die Sinne unserer Zuschauer berühren und über die seelischen Wunden der Kinder nachdenken, die mit ihren Familien neu in unser Land kommen.“

Das Spiel der Kinder zeigt Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens, die Krieg überhaupt erst möglich machen. Es zeigt auch die Spuren des Kriegs in den Köpfen und Seelen. Was stellt der Krieg mit Kindern an? fragt das Stück, was bedeutet er für die nachfolgenden Generationen?

Mit drei Einsemblemitgliedern und der jungen Gastschauspielerin Anna Gesewsky inszeniert Ortmann „Familiengeschichten.Belgrad“ nicht als düstere Tragödie, sondern lässt die Zuschauer die Welt mit den Augen der Kinder sehen. Und was sie auf diese Weise zu Gesicht bekommen, ist naiv, grotesk und schrecklich komisch.

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