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Phillip Boa and the VoodooclubLEO Glücksmoment
Phillip Boa and the Voodooclub© Ole Bredenfoerder

"Ich will Menschen glücklich machen"

Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Oktober 2016

Es gibt nur wenige deutsche Musiker und Bands, die sich auch auf dem internationalen Parkett behaupten können. "Kraftwerk" wurden Weltstars, "Rammstein" feiern in Amerika mindestens so große Erfolge wie in Deutschland, Nenas "99 Luftballons" wurden zum globalen Ohrwurm. Als international erfolg- und vor allem einflussreichste deutsche Indie-Band jedoch gelten "Phillip Boa and the Voodooclub". Am 2. Dezember gastieren die Kultstars im Dessauer "Beatclub". Mit LEO sprach Phillip Boa über sein aktuelles Best-of-Album "Blank Expression", über den Umgang mit der Öffentlichkeit und über seine besondere Beziehung zum Publikum.

Im September erschien Ihr Best-Of "Blank Expression", ab Ende Oktober sind Sie wieder auf Live-Tournee zu erleben, die Sie am 2. Dezember auch in den Beatclub Dessau führt. 2011 waren Sie hier im Rahmen des Kurt Weill Festes zu Gast. Wie kam es jetzt zur Rückkehr?

Phillip Boa: Das war 2011 einfach ein cooles Konzert. Das war so richtig Oldschool. Wir hatten einen Club, der richtig voll war, und da kann dann auch ein richtig tolles Konzert stattfinden, weil es eine direkte Übertragung gibt. Man bekommt das Publikum sehr stark mit. Das ist so ein richtig schöner, dreckiger, alter Liveclub, davon gibt es nicht mehr viele. Die werden in ganz Deutschland durch, ich nenn sie jetzt mal "Mehrzweckhallen", Clubs ohne Charakter, ersetzt. Die sind viel schwieriger zu spielen. Und wenn man dann ab und zu Lust und noch einen Termin frei hat, ist es schön, wenn man diese besonderen Clubs spielen kann. Das ist einfach ein pures, reines Konzerterlebnis, wo die Leute direkt alles mitbekommen, alle Vibrationen. Das totale Gegenteil ist ein Stadion. Sowas machen wir nicht, aber wenn man im Stadion spielt, hat das Publikum über drei Echoboxen den Sound einer weit entfernten Band, der gar nicht mehr der Echtsound ist. Der Beatclub ist da das Gegenteil. Oder die Moritzbastei zum Beispiel, da spielen wir immer über drei Tage, das hat schon Tradition. Das ist immer sehr schön, weil es auch sehr intim ist. Ich spiele auch gern in größeren Clubs, wenn sie gut sind. Bis zu 2.000 Leuten ist es am besten.

Sie haben sich nie für den Erfolg verbogen und haben in anderen Interviews gesagt, dass Ihnen das große öffentliche Interesse Mitte der 90er eher Angst gemacht hat. Nach "Bleach House" ist nun auch "Blank Expression" zum Top-10-Album geworden. Gehen Sie damit inzwischen gelassener um?

Phillip Boa: Dass ich mich nie angepasst habe, stimmt schon. Und das ist heute sogar noch schwieriger geworden als früher. Was ich heutzutage an Medien verweigere, ist eigentlich schon fast übertrieben. Aber was den Erfolg betrifft, kann man die Zeiten nicht vergleichen. Der Musikmarkt hat sich stark verändert. Was damals Platz 14 war, ist heute Platz 50. Die Verkäufe haben sich verändert. Die meisten jungen Menschen merken das gar nicht, aber da ich aus der Zeit komme, vergleiche ich natürlich alles mit meinem Lieblingsjahr 1993. Wenn ich 2016 dann so betrachte, bin ich schon sehr lässig. Weil ich weiß, dass ich inzwischen ziemlich "down to earth" bin. Wenn ich dann Platz 8 oder 7 geschafft habe, bin natürlich ein bisschen stolz, aber deswegen hebe ich nicht ab. Damals ist mir das vielleicht ein wenig zu Kopf gestiegen.

Ursprünglich wollten Sie die neue Werkschau mit zwei oder drei neuen Titeln ergänzen, jetzt ist mit "Fresco" ein ganzes Album daraus geworden. Haben Sie sich damit selbst überrascht?

Phillip Boa: Ja. Das war überhaupt nicht die Grundidee. Ich wollte eine neue Best Of machen, weil ich so etwas mag. Das ist für die Leute, die nicht "fanatisch" sind, die die Band vielleicht einfach mal kennenlernen möchten. Da finde ich das immer wichtig. Und außerdem wollte ich auch endlich wieder eine Best Of auf Vinyl haben. Parallel habe ich dann an ein paar Songs gearbeitet – und plötzlich hatte ich zwölf zusammen. Ich habe dann die Plattenfirma gefragt, ob sie die auch gleich haben wollen, sie haben erstaunlicherweise ja gesagt und es miteinander verbunden. Darum gibt es auch verschiedene Versionen von "Blank Expression". Das ist vielleicht erst einmal etwas kompliziert, aber so kann sich eben jeder Fan oder Weniger-Fan raussuchen, was er gerne hat. Damit bin ich echt zufrieden, weil ich weiß, dass ich für jeden irgendwie etwas Schönes gemacht habe.

In Zeiten des Streamings und der Digitaldownloads bieten Sie ausschließlich die Single-Collection digital an, während CD-Käufer die Auswahl von der Standard-, über die Deluxe-Version mit dem neuen Album bis zur Collector’s Edition mit sehr viel Bonusmaterial haben. Wollen Sie damit ein weiteres Zeichen gegen Musik als schnelle Konsumware setzen?

Phillip Boa: Ja, das könnte ich so unterschreiben. Ich habe kein Problem mit den bezahlten Downloads, aber so etwas wie Spotify und anderes Streaming sind nicht gut, weil sie die Musik entwerten. Die Musik verkommt zu einer bloßen Unterhaltung, die man immer irgendwo umsonst abrufen kann. Das ist ein Prozess der Entwertung, der letztendlich dazu führt, dass kreative Leute, denen es nicht nur darum geht, mehr Platten zu verkaufen oder Erfolg zu haben oder mit ihrer Musik an Werbung zu verdienen, dass die irgendwann einfach nicht mehr da sind. Für die gibt es keine Lobby mehr, keine Plattform.

Viele Künstler machen es mittlerweile genauso wie ich, es ist nichts bahnbrechendes, aber es ist ein klares Statement gegen diesen Trend.

Die Tracks der Live-CD wurden bei den Weihnachtskonzerten 2013 und 2015 in der Leipziger Moritzbastei aufgezeichnet. Mit dem Club verbindet Sie seit über 15 Jahren eine besondere Beziehung. Wie kam es dazu?

Phillip Boa: Wir wollten damals eigentlich ein Konzert über Silvester spielen, weil wir die Idee geil fanden. Das ging aber nicht, nirgendwo. Dann hat uns die Moritzbastei zwei Konzerte kurz davor angeboten. So ist das entstanden. Aus zwei wurden dann irgendwann drei. Man könnte wahrscheinlich auch vier Konzerte machen, aber wir denken, dass das dann vielleicht zu viel des Guten wäre, auch wenn wir das jedes Jahr diskutieren. Die Leute in Leipzig sind immer total nett und man fühlt sich immer so ein bisschen wie Zuhause.

Gibt es nach über 30 Jahren internationaler Musikkarriere noch Wünsche und Ziele, die bisher unerfüllt geblieben sind?

Phillip Boa: Die Frage ist gemein. Ja und nein. Man kann das eigentlich nicht beantworten, ohne damit auf Glatteis zu gehen. Aber eigentlich nicht. Ich mache das, weil ich es liebe. Wenn man zum Beispiel auf Tour geht, ist es egal, ob ich im "Alten Schlachthof" in Dresden spiele, der viel größer ist, oder in einem kleinen Club wie in Dessau. Ich will nur ein geiles Konzert machen. Das ist eine Vision, die man hat. Man macht es für die Leute und man will, was nicht jeden Abend klappt, den Leuten Energie geben, die sie dann zurückschicken, und zum Schluss sollen sie total glücklich und sich psychisch besser fühlend nach Hause gehen. Das ist auch so eine Mission, die man hat. Wenn ich so etwas kann und die Leute für ein oder zwei Tage glücklich mache, oder auch schon in der Vorfreude, dann ist das schon unheimlich viel. Nicht jeder kann von sich sagen, dass er Menschen irgendwie glücklich machen kann. Also gehe ich jeden Abend hin und versuche, ein richtig gutes Konzert zu spielen. Das komische ist, dass das nicht jeden Abend funktioniert. Weil wir einfach auch nur Menschen sind. Aber es ist fast jeden Abend mindestens gut. Ob es dann sehr gut wird, sieht man erst danach, das lässt sich nicht vorhersagen. Ziele und Wünsche sind sicher auch, weiter gute Songs oder mal wieder den "Übersong" zu schreiben.

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