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Vorurteile sind das Schlimmste

Veröffentlicht am Freitag, 30. September 2016

Jürgen Drews ist ein Phänomen. Schon mit 15 Jahren bester Banjo-Spieler Schleswig-Holsteins, später Mitglied der „Les Humphries Singers“, 1976 dann der Solo-Durchbruch mit „Ein Bett im Kornfeld“. Heute wird er vor allem als Star der Party-Szene auf Mallorca gefeiert. Für beste Stimmung will er am 8. Oktober auch auf dem Oktoberfest in Köthen sorgen, ebenso wie bei seinem Tournee-Auftritt am 5. November im Golfpark Dessau. Im LEO-Gespräch zeigt sich der Sänger bestens aufgelegt, aber auch von seiner nachdenklichen Seite.

Ihre Tour heißt „Es war alles am besten“, das gleichnamige Album haben Sie sich und Ihren Fans sozusagen zum 70. Geburtstag geschenkt. Gibt es wirklich nichts, was Sie rückblickend anders machen würden?

Jürgen Drews: Na sicher. Vieles, was schief gelaufen ist, gräbt sich ja auch ins Hirn ein. Aber vieles ist auch einfach schon überdeckt, oder man hat es in seinem eigenen Gedächtnis etwas kaschiert und ihm eine positive Wendung verabreicht. Denn wenn wir als Menschen mit offenen Augen und wachen Sinnen durch die Welt staken, dann wissen wir ja auch, dass die Hoffnung nicht sterben darf – denn sonst kannst du auch gleich in die Grube gehen. In den ganzen Jahren habe ich viele, viele Sachen erlebt, die mir nicht gefallen. Aber summa summarum ist es alles toll.

Ich wollte Medizin studieren, habe aber nach dem vierten Semester abgebrochen. Ich merkte, dass ich diesem Studium wahrscheinlich nicht unbedingt gewachsen wäre. Ich habe auch mein Abitur zwei Mal gemacht, wollte aber unbedingt Mediziner werden, weil auch mein Vater einer war. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Krankenhaus gearbeitet hätte, als Chirurg, ich wäre nicht glücklich geworden. Ich habe schließlich einen an der Waffel. Deswegen macht mir das, was ich jetzt mache, so viel Spaß. Und in der Retrospektive, im Rückblick, kann ich nur sagen, was ich auch alles an Negativem erlebt habe, im Endeffekt hat sich alles zu etwas entwickelt, von dem ich sage „Es war alles am besten“. Weswegen mache ich das denn noch? Ich bin jetzt 71 Jahre. Erstens macht es mir einen tierischen Spaß, zweitens bin ich süchtig danach, auf die Bühne zu gehen, und drittens bin ich auch süchtig danach, ins Studio zu gehen.

Ich stehe vor Leuten und therapiere sie. Das Bild vom „König von Mallorca“ hat sich ja so manifestiert, und das ist auch gut so. Wenn ich da auftrete, egal ob vor Jugendlichen oder Leuten mittleren Alters, ist das unglaublich. Wenn ich auf der Bühne bin und merke, dass Leute mit dem Liedgut, das ich habe – das ist ja ganz einfache Kost – unglaublich viel Spaß haben. Naja, es ist halt eine Sucht. Und wenn du gesund bist und dich wohl fühlst in deiner Haut und ein gutes Umfeld hast – ich liebe meine Frau über • alles, wir sind seit 24 Jahren zusammen – dir nicht die Kante gibst, ich trinke so wenig Alkohol, dass ich eigentlich schon sagen kann, dass ich gar keinen trinke, ich habe noch nie in meinem Leben geraucht und bewege mich auf der Bühne und auch sonst permanent, ich bin eigentlich immer in Action. Wenn es einem so geht und man Spaß daran hat, dann soll man weiter machen. Ich muss es ja gar nicht, sondern es ist meine Leidenschaft. Punkt. Und ich bin froh, dass ich mich nicht hingesetzt und das Medizinstudium durchgeackert habe.

Wenn man Ihnen zuhört, scheint es so, dass sie zwar die 70 hinter sich gelassen aber gar keine Zeit haben, zu altern, oder?

Jürgen Drews: (herzhaftes Lachen) Gute Frage! Ich werde ja immer nach meinem Alter gefragt, da werde ich das in Zukunft so beantworten. Ich werde mir das zueigen machen. Nein, wie gesagt, wenn deine Gendisposition stimmt, du nicht durch dein Umfeld oder äußere Einflüsse wie Krankheit oder auch durch deinen Lebensstil deine guten Gene in „schlechte Gene“ verwandelst, bleibst du fit. So lange das noch so ist, so lange ich merke, dass es den Leuten noch Spaß macht und mir auch, und wir miteinander interagieren, indem man lacht, und lächelt, und mitsingt oder auch mitgrölt, dann hat man eine erhöhte Glückshormon-Ausschüttung. Das geht den Leute im Publikum genauso wie mir auf der Bühne.

Das glaubt mir zwar niemand, aber ich bin von Haus aus mehr oder weniger ein zurückgezogener Mensch, weil ich früher äußerst schüchtern war. So schüchtern, dass sich mein Vater bemüßigt fühlte, mich zu therapieren. Ich wollte nie singen. Und erst recht nicht Deutsch. Niemals. Ich hatte Vorurteile gegen alles, das mit deutscher Sprache zu tun hat. Und Schlager? Um Gottes Willen. Das habe ich gehasst wie die Pest. Und weil ich solche Vorurteile hatte – ich sage ganz bewusst „hatte“, das ist Vergangenheit – hat mein Vater mich über Jazz, den ich immer gehört habe, auf die Bühne bekommen. Ich habe mit 14 Jahren schon Banjo in einer Jazzband gespielt. Ich hätte mich doch sonst nie auf eine Bühne gestellt. Als Banjo-Spieler konnte ich ja zum Glück in der zweiten Reihe stehen.

Dass ich immer schon auf sowas wie Schlager stand, nur eben englischsprachig, habe ich erst sehr viel später realisiert. Ich habe eine Wandlung durchgemacht, eine regelrechte Metamorphose. Als ich 2009 „Ich bau Dir ein Schloss“ gesungen habe (singt), da haben mich die Leute gefragt, warum ich so etwas singe, obwohl ich sonst doch nur Partymusik mache. Ich habe geantwortet „Ja, klar, aber jetzt singe ich eben mal wieder einen Schlager, das macht doch Spaß!“ Tatsächlich höre ich heute privat genauso wenig Schlager wie vorher – aber ich habe nicht mehr dieses Vorurteil dagegen, und das ist wichtig.

Das Schlimmste, was es gibt, sind Vorurteile. Denn wenn du Vorurteile hast, hast du auf alle Fälle eine feste Meinung, und wenn die negativ ist, kannst du sie auch richtig vehement vertreten.

Es ist sehr einfach, gegen etwas zu sein. Da muss man ja nur mal in die politische Situation der Gegenwart gucken. Ich habe irgendwann gemerkt, wie viele Vorurteile ich hatte, weil ich so ein ängstlicher, verschüchterter, verklemmter Heini war, als ich in die Pubertät kam.

Ihr Durchbruch als Solo-Künstler mit „Ein Bett im Kornfeld“ ist ziemlich genau 40 Jahre her. Nervt es Sie, oft immer noch auf diesen einen Titel reduziert zu werden?

Jürgen Drews: (lacht) Damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich werden auch auf „König von Mallorca“ reduziert, oder auf „Schloss“, wenn man es als Reduzieren bezeichnen möchte. Nein, das ist geil. Es ist jetzt 40 Jahre her, aber ich habe jetzt auch eine Swing-Version mit großem Orchester gemacht. Und es gibt ja auch die Version mit Bürger Lars Dietrich und Stefan Raab. Hallo? Das ist total geil! Das ist tierisch. „Kornfeld“ ist der Hammer, mittlerweile liebe ich das.

Bleiben wir mal bei dem Image, das ich habe, vom „König von Mallorca“. Wenn ich in der Hochsaison singe, sind da hauptsächlich Jugendliche, die Party feiern ohne Ende, jetzt im Herbst sind es eher die mittleren Altersgänge zwischen 35 und 50. Aber selbst wenn in der Hauptsaison die ersten Takte von „Ein Bett im Kornfeld“ erklingen, ist die Hölle los. Ich singe den Song gar nicht mehr, den singen die. Wie die Bekloppten. Und wenn ich dann noch den Rap von Bürger Lars Dietrich mache (rappt), dann sind die Leute völlig aus dem Häuschen. Das ist einfach so. Und deshalb macht mir der Job Spaß.

Man hat den Eindruck, dass Sie Ihren Job sehr ernst nehmen, sich selbst aber nicht allzu sehr. Ist das das Geheimnis, um sich so lange im umkämpften Musikgeschäft zu halten?

Jürgen Drews: Genau richtig. Das ist das Erfolgsrezept. Nicht geplant, sondern es ist einfach so. Dass ich nicht aus dem Schlager komme und den „König von Mallorca“ auch nicht ernst nehmen kann, die Machart aber ernst nehme, das merken auch die Jugendlichen. Die sagen mir dann ja auch, dass sie eigentlich etwas völlig anderes hören. Aber wenn sie feiern – und das ist eigenartig – hören sie eben genauso „Ich bau Dir ein Schloss“ beim Grillen wie den „König von Mallorca“.

Und beim Autogrammeschreiben habe ich schon so oft gehört „Super-Auftritt, und das in Deinem Alter. Ich werde meinem Vater mal sagen, er soll sich ein bisschen am Riemen reißen und hingucken, was Du machst“. (lacht) Und man hört, glaub ich, auch daran, wie ich darüber rede, dass ich mit dem, was ich mache, total happy bin. Mich zwingt doch keiner, jetzt nach Köthen oder Dessau zu kommen und dort rund drei Stunden auf der Bühne zu stehen.

Was wird die Leute denn beim Konzert erwarten? Ist es ein Rückblick auf Ihr musikalisches Leben?

Jürgen Drews: Die Zuschauer werden natürlich fünf Titel von der neuen LP hören. Aber da ich auch eine Videowall dabei habe, gibt es beispielsweise auch einen Titel der „Humphries Singers“ zu sehen, von einem Auftritt in Paris Anfang der 1970er. Und dann übernehme ich sozusagen von der Leinwand und singe mit meiner Liveband, da rasten die Leute aus. „Mama Lou“ und „Mexico“ wird es natürlich auch geben. Dann singe ich aber auch alte Titel von mir, was ich eigentlich nicht tue, wenn man mich in meinem normalen Programm ohne Band hört. Da singen dann zumindest die Älteren mit, die Jugendlichen kennen die ja gar nicht. Es sei denn, sie haben es sich irgendwo aus dem Netz gezogen.

„Barfuß durch den Sommer“ war damals ja eigentlich mein erster Partytitel. Das hat da nur niemand kapiert und ich bin damit in der „ZDF-Hitparade“ aufgetreten. Ich werde auch „Du schaffst mich“ singen, das die Älteren ebenfalls aus der Hitparade kennen. Comedian Matze Knop ist im Musikvideo zu „Heut schlafen wir in meinem Cabrio“ (singt) mit dabei. Im Video verkleidet sich Matze als Frau, weil er trampen will, und ich, der blöde Drews, halte natürlich an und nehme ihn mit. Was sich daraus ergibt, sieht man dann ja. Das ist Comedy. Oder ich singe „Wir sind von 0 auf 100 in nur 3 Sekunden“ (singt), das als Single auch ab November erscheint. Und ich weiß, im nächsten Sommer singen das die Leute von alleine, genauso wie sie heute „Wieder alles im Griff singen“, denn da habe ich das Gleiche erlebt.

Haben Sie neben den Auftritten noch Zeit, die Städte kennenzulernen – oder kennen Sie sie vielleicht sogar schon?

Jürgen Drews: Köthen ist mir deswegen schon bekannt, weil ich da mal eine Fernsehaufzeichnung für den MDR gemacht habe. Mit Mädels von der Tanzschule, das ist vielleicht zwei Jahre her. Damals habe ich schon diese Brücke zwischen den beiden Türmen der Jakobskirche bewundert und mir gesagt, dass ich da gern mal rauf würde. Das werde ich diesmal mal machen, denke ich. Da war ja auch der Bach, das würde mich natürlich auch interessierten.

Prinzipiell laufe ich natürlich auch nicht blind durch die Gegend, ich sehe mir viele Sachen an. Und vor allen Dingen wenn meine Frau Ramona dabei ist, gehen wir auch gern ins Museum oder sehen uns andere Dinge an.

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