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Einblick in die Entstehung des Panoramas Luther1517: Im Mai 2016 informierte sich Margot Käßmann über den Entwicklungsstand des Panoramas LUTHER 1517 durch Yadegar Asisi. Bei der Umsetzung der Panoramen wird der Künstler in seinem Konzeptionsbüro in Berlin-Kreuzberg durch ein etwa 15-köpfiges Team unterstützt.
Einblick in die Entstehung des Panoramas Luther1517: Im Mai 2016 informierte sich Margot Käßmann über den Entwicklungsstand des Panoramas LUTHER 1517 durch Yadegar Asisi. Bei der Umsetzung der Panoramen wird der Künstler in seinem Konzeptionsbüro in Berlin-Kreuzberg durch ein etwa 15-köpfiges Team unterstützt.© Gerhard Westrich

Panorama LUTHER 1517

Veröffentlicht am Samstag, 01. Oktober 2016

Mit seinem „Panometer“ in Leipzig belebte der Berliner Künstler Yadegar Asisi im Jahr 2003 ein fast vergessenes Medium wieder: Die monumentalen Panoramabilder, die im 19. Jahrhundert für Staunen sorgten und durch das Kino verdrängt wurden. Inzwischen sind auch in Dresden, Berlin, Pforzheim und Rouen Asisi-Panoramen zu sehen. Ab 22. Oktober kommt in Wittenberg anlässlich des Reformationsjubiläums ein besonderes Highlight hinzu. Auf 15 x 75 Metern wird im eigens errichteten Rundbau „w360“ in der Lutherstraße 42 das Riesen-rundbild „Luther 1517“ gezeigt. LEO sprach mit Yadegar Asisi über seine Kunst und die Entstehung des Bildes.

Wie blicken Sie auf die Arbeit an „Luther 1517“ zurück?

Yadegar Asisi: Das Projekt hat eigentlich schon vor ungefähr zehn Jahren begonnen. Da war ich in Wittenberg, stand vor dem berühmten Tor, wusste nichts über Luther, von etwas Allgemeinwissen abgesehen, und habe mich gefragt, warum mir damals in der Kindheit niemand erklärt hat, was so ein Zettel an der Tür alles ausmachen kann. Als Erwachsener habe ich das dann natürlich schon begriffen.

Die Frage, die ich mir damals gestellt habe, war, ob ich an diesem Platz ein Gesellschaftsbild zeichnen kann, das die Situation selbst und die Epoche so beschreibt, dass man, wenn man Lust hat, sich diesen Geschichten zu nähern, ohne Abstand und mittendrin im Treiben, sich auch emotional an diese Zeit annähern kann. Das Beste für mich wäre, wenn man aus dem Panorama herausgeht und sich neue Fragen stellt. Das war eine besondere Herausforderung, weil „Luther 1517“ als Bild eine Sonderposition in den ganzen Panoramen einnimmt, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Ich gehe hier als erstes über den Menschen, ich versuche also, über den Menschen eine Geschichte zu erzählen, und die Architektur kommt erst im zweiten Schritt. Sie wird natürlich auch eine Rolle spielen, man muss sich ja in das Wittenberg der damaligen Zeit hineindenken können. Ich wusste tatsächlich nicht, ob ich es schaffe, es war wirklich eine Riesenherausforderung. Und heute, sie erwischen mich gerade am letzten Tag, kann ich sagen, dass ich zufrieden bin. Das heißt noch nicht, dass ich am Ende bin, ein Ende gibt es bei diesen Projekten sowieso nie. Aber ich denke, ich kann es jetzt in die Öffentlichkeit entlassen.

Es war also auch eine bewusste Entscheidung von Ihnen, das Projekt „Luther 1517“ zu nennen und nicht „Wittenberg 1517“?

Yadegar Asisi: „Luther 1517“ und auch Wittenberg ist ja nur ein Markstein. Letztendlich geht es um eine Epoche. Man kann sich, wie bei 1517, auf ein Datum fokussieren. Aber es darf letztendlich nicht im Mittelpunkt stehen, der Zeitpunkt an sich ist nicht so entscheidend. Darum werde ich auch nicht Luther zeigen, wie er seine Thesen an die Pforte nagelt. Denn das ist das Uninteressanteste dabei. Interessant dagegen ist, dass er das als Diskussionsgrundlage unter seinen Gelehrten- und Mönchskollegen angeschlagen hat. Denn dort haben alle ihre Thesen und Diskussionsbeiträge wie an ein schwarzes Brett genagelt. Und darum zeige ich Luther nicht, wie er irgendeinen Zettel an die Tür macht, sondern ich zeige ihn vor dem Tor, wie er mit seinen Kollegen diskutiert. Es geht um die Diskussion, um das, was er mit diesen Thesen anwirft. Luther stelle ich also bewusst in den Mittelpunkt, denn er wird auch vielschichtig erklärt. Man wird ihn in verschiedensten Phasen sehen, als jungen Mann ebenso wie in anderen Lebensabschnitten.

Es war mir also schon wichtig, Luther einfach als Mensch in den verschiedensten Situationen zu zeigen. Sogar in ein paar intimeren Szenen, bei denen man in ein Haus hineinsehen und ihn sozusagen nicht öffentlich, sondern privat erleben kann. Um damit zu zeigen, dass das, was wir im Nachgang von einem Menschen begreifen, der etwas bewegt hat, meistens nur seine Leistungen sind. Aber ihn als Menschen zu erkennen, das fällt uns immer schwer. Das merkt man ja auch in der Familie, wenn ein Mensch verstorben oder gegangen ist, bleiben meist nur ein paar Sätze übrig.

Letztendlich ist das ja auch nur der Versuch, nach all dem, was ich gehört und gelesen habe, auf die Vielschichtigkeit eines Menschen in seiner Zeit einzugehen. Es geht nicht darum, ein Heldenporträt zu zeichnen, sondern die Geschichte eines Mannes zu zeigen, der in ein bestimmtes Zeitfenster hineingeboren wurde und mit seiner Klugheit, seinem Geist und seinem Status eine Tür in eine neue Zeit geöffnet hat. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass er einen Charakter gehabt hat, mit dem man ihn nicht unbedingt zum Freund haben wollte. Er war ja auch ein Durchsetzungsmensch. Die Vielschichtigkeit des Menschen Luther will ich auf diesem Bild ansatzweise – ich habe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, um Gottes Willen – in seiner Zeit, in der Begegnung mit Menschen in verschiedenen Situationen, erlebbar machen. •

Auf welche Quellen konnten Sie zur Recherche zurückgreifen?

Yadegar Asisi: Ich habe Ausstellungen besucht, von denen im Vorfeld ja sehr viele gemacht wurden, aber ich habe auch Biografien gelesen. Das ist jetzt schon wieder zwei Jahre her, aber da habe ich zumindest versucht, mir ein Bild zu machen. Ich gehe da aber bewusst nicht zu sehr in die Materie. Denn alles Geschriebene ist letztendlich auch ein Filter. Ich versuche also, mir ein Grundwissen anzueignen, dann aber eine eigene Haltung zu dieser Zeit aufzubauen. Dann ist es viel besser, mit Menschen zu sprechen, die in diesem Leben und dieser Materie stecken. Das ist dann eher eine Diskussion, in der ich meine Vorstellungen vom Ansatz des Bildes kund tue und gucke, wie die Leute darauf reagieren. Es gibt ja Leute, die dann vehement „Das geht gar nicht!“ sagen. Ich höre mir das dann an, aber wenn ein Wissenschaftler mir sagt, dass etwas nicht geht, bedeutet es noch lange nicht, dass ich es deswegen nicht mache. Und das ist eigentlich der Punkt: die Berater stehen mir zur Seite und wollen dieses Spiel auch mitmachen. Ich glaube schon, dass ich sehr auf Basis dessen arbeite, was da ist, aber ich lasse mir auch ein paar Freiräume, die ich für wichtig halte.

Die Recherche ist also eine Mischform. Ich muss meinen eigenen Filter einsetzen. Dafür braucht man für sich selbst aber ein Bild, einen eigenen Zugang zum Thema. Sie werden staunen, was im fertigen Bild alles vorkommt und zu entdecken ist. Man muss es aber eben auch lesen. Das heißt nicht, dass ich mit Hieroglyphen arbeite, aber solche Szenen muss man erst einmal finden und deuten. Da hoffe ich einfach, und das weiß ich ja nie bei solchen Projekten, dass das Publikum da halbwegs mitgeht und nicht sagt „Was ist denn das für ein Unsinn?“

Die Erfahrung mussten Sie bisher nicht machen, oder?

Yadegar Asisi: Nein, aber wissen Sie, wenn ich ein neues Projekt mache, gibt es nie die Sicherheit, dass ich weiß, was am Ende dabei herauskommt. Ich weiß auch nicht, ob das, was ich mir vornehme, auch wirklich klappt. Vielleicht verändert man seine Meinung auch im Laufe des Prozesses und geht auf einmal in eine ganz andere Richtung. Aber bei mir ist der Gedanke am Anfang oft so stark, dass ich versuche, ihn so abzuwägen, dass er an einen Punkt kommt, der ihn nachvollziehbar macht. Das bleibt spannend und deswegen ist das auch kein Kokettieren, sondern ich bin an manchen Punkten zwischendurch auch in einer Unsicherheit. Die macht mir aber auch Spaß, das ist eine Herausforderung, die mich antreibt. Es gibt Zwischenphasen, bei denen andere total begeistert sind und ich selbst mich dafür schämen würde, es der Öffentlichkeit zu zeigen. Es muss also auch den eigenen Ansprüchen genügen. Und die Verantwortung, die man mit so einem Bild hat, spüre ich natürlich auch. Das ist anders als andere Projekte. Hier merke ich den gesellschaftlichen Fokus, der auf diesem Projekt liegt. Alle fragen sich, wie ich dieses für Deutschland wichtige Thema in ein Bild einbinde.

Das Thema ist ja nicht nur für Deutschland wichtig.

Yadegar Asisi: Das stimmt. Aber Deutschland hat für sich ja erkannt, dass es ein wichtiges Element deutscher Geschichte ist, eben weil es auch international eine Welle geschlagen hat, die wir bis heute leben. Es ist eben auch ein Identifikationspunkt der deutschen Seele und der deutschen Geschichte. Deswegen ist es für mich erst einmal eine Projektion, die ich als Deutscher erlebe, aber selbstredend hat dieses Ereignis die Welt sehr, sehr stark verändert.

Sie sind Atheist. Hat sich durch die Arbeit am Projekt Ihre Einstellung zur Religion geändert?

Yadegar Asisi: Nein, die ist schon immer gleich geblieben. Die Gedanken hatte ich schon sehr frühzeitig. Wenn der Glaube eine Form des menschlichen Denkens ist, um sich in dieser Welt zurecht zu finden, mit sich selbst ins Reine zu kommen, ist er völlig legitim. Viele Menschen haben nicht das Glück, aus dem Inneren heraus ihre Selbstbestimmtheit zu entwickeln, die brauchen einen „Andockpunkt“. Wenn der Glaube ihnen dabei hilft, bin ich der Erste der sagt „Alle sollen glauben!“ Aber wenn der Glaube dazu führt, zu sagen „Mein Glaube ist richtiger als Deiner!“, wird es problematisch. Auch die meisten Gläubigen würden nicht von sich aus für ihren Glauben in den Tod gehen. Und die, die es tun, werden durch andere Strukturen aufgehetzt. Da sind wir dann wieder beim Thema Macht. Wir müssen es auseinanderhalten. Und wenn ich einen anderen Gedanken habe, der mich in meinem Leben stabilisiert, der mich glücklich macht, dann denke ich, ist das genauso gerechtfertigt, wie eine Form des Glaubens an eine höhere Instanz, die einen dirigiert und leitet. Dagegen habe ich überhaupt nichts. Ich kenne viele Menschen, die gläubig sind, die mir aber nicht jeden Tag mit dem Hammer auf den Kopf hauen und sagen „Du musst das jetzt auch werden!“

Ich hätte dieses Projekt ja auch nie gemacht, wenn ich nicht von vornherein mit einer Haltung daran gegangen wäre. Das wäre für mich keine Option gewesen. Ich habe auch von Anfang an gesagt, dass niemand ein Mitspracherecht haben wird. Sowohl die Kirche als auch die Stadt haben das sofort respektiert und deutlich gemacht, dass sie es als künstlerische Sicht auf das Ereignis betrachten und sie ausschließlich meine Perspektive interessiert. Es ist ja kein Auftragswerk. Ich bin nach Wittenberg gegangen und habe gesagt, dass ich das gern machen würde, wenn Stadt und Kirche den anderen Teil der Hausaufgaben übernehmen. Da fügte sich dann auch alles. Das ist das Interessante: wenn ein Gedanke so lange gärt und dann gehen Sie irgendwann durch diese Tür und die ist sperrangelweit geöffnet. Dann wissen Sie, dass Sie dieses kleine Zeitfenster erwischt haben, in dem auf einmal alles bereit ist, um diesen Weg mitzugehen. Und so etwas mag ich. Im Kleinen erleben wir ja alle solche kleinen Zeitfenster, diese Augenblicke, in denen auf einmal Dinge zusammentreffen, über die man danach völlig verblüfft ist.

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