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Prof. Michael Kaufmann
Prof. Michael Kaufmann© Hartmut Bösener

"Man bringt Licht dorthin, wo es nicht hell ist"

Veröffentlicht am Mittwoch, 25. Januar 2017

Das Kurt Weill Fest 2017 spannt unter dem Motto „Luther, Weill & Mendelssohn“ vom 24. Februar bis 12. März einen Bogen über 500 Jahre Welt- und Kulturgeschichte. Gleichzeitig wird der 25. Geburtstag des Festivals zu Ehren des Dessauer Komponisten gefeiert. Im LEO-Gespräch wollten wir von Intendant Prof. Michael Kaufmann erfahren, wie sich diese Themen im Programm widerspiegeln, aber auch, was die Weill-Freunde in der Zukunft erwarten könnte.

Standen Sie bei der Vorbereitung auf das Jubiläums-Fest unter besonderem Erwartungsdruck der Weill-Fans?

Prof. Michael Kaufmann: Ich glaube, wir haben uns selbst ziemlich unter Druck gesetzt, dass im Rahmen unserer Möglichkeiten zum „Fünfundzwanzigsten“ etwas noch außergewöhnlicheres passieren soll, als sonst schon. Von außen kam gar nicht so viel Druck, obwohl natürlich neugierige Fragen da waren. Für uns begann diesmal die Beschäftigung mit dem Fest schon vor fast zwei Jahren. Und jetzt denken wir, dass tatsächlich ein besonderes und ein sehr schönes Programm herausgekommen ist, mit dem wir Weill und das Fest angemessen feiern können.

Wie packt man Reformation, Aufklärung und Moderne in ein Programm?

Prof. Michael Kaufmann: Das war am Anfang nicht ganz so leicht. Die Anregung dazu kam von einem unserer Kuratoriumsmitglieder. Die Frage war, wie wir sicherstellen wollen, dass sich unser Programm trotz des Reformationsjubiläums so attraktiv darstellen kann, dass nicht alle Förderer der Verlockung erliegen, statt des Weill Festes die Reformation zu unterstützten. Das war für mich, obwohl ich aus einem Elternhaus komme, wo Luther und Bach zentrale Rollen gespielt haben, erst einmal eine ziemliche Herausforderung. Irgendwann kam mir die Idee, ich könnte mit der Aufklärung und Moses Mendelssohn ein weiteres bedeutendes Thema der reichen kulturellen Tradition der Region in das Fest integrieren und einen Bogen über 500 Jahre Geschichte schlagen. Da war für mich plötzlich klar: Die Aufklärung öffnet das Fenster, um auf die Reformation zu schauen und natürlich auch auf die Klassische Moderne. Das empfand ich als naheliegend. Und sah deutlicher auch als vorher, dass die Reformation einen absolut aufklärerischen Zug hat. Die Fragen: Was ist der Mensch? Wie steht er zu seinem Gott? Welche Anmaßung betreibt die Kirche möglicherweise auch, wie engt sie Menschen durch ein bestimmtes Glaubens- und Religionsverständnis ein – da fühlte ich mich als jemand, der sich dem Glauben schon sehr verpflichtet • fühlt, der aber mit gewissen Haltungen der Kirchen nicht nur in deren Historie ein Problem hat, auf einem wichtigen Feld. Und dass Reformatoren vor und nach Luther ja viele gesellschaftlich relevante Fragen aufgeworfen haben, hat ja einen absolut aufklärerischen Zug. Sie nutzen die Kirche als Informationsmarktplatz, um die Menschen zu erreichen und Luther profitierte von der Druckerpresse als Multiplikationsmaschine seiner Vorstellungen.

So landet man immer wieder, über diese 500 Jahre, bei der spannenden Frage, wie die Gesellschaft verfasst ist und wie sie verfasst sein muss, damit der Einzelne sich gut entwickeln kann und wie er seine Energie in die Gesellschaft zurück spielt. So ist der Dreisprung „Freiheit des Glaubens“, „Freiheit zu Philosophieren“ und „Freiheit des Geistes“ entstanden – ein Herzstück des Programms, dem man über die drei Wochenenden begegnen kann. Da treffen philosophische und musikalische Betrachtungen aus drei Epochen aufeinander. Das finde ich eine unglaublich spannende Entdeckungsreise. Und Weill ist sowieso für mich der Prototyp des Menschen, der mit seinen Figuren für die Frage steht, wie sich der Einzelne in die Gesellschaft einbringt und wie die Gesellschaft den Menschen beeinflusst. Insofern ist Weill wieder der „Reiseleiter“, es geht eben nur etwas weiter zurück als sonst.

Wie es sich für einen besonderen Geburtstag gehört, finden sich viele langjährige Freunde und Partner des Festivals im Programm. Gibt es auch Neuzugänge, auf die Sie sich freuen?

Prof. Michael Kaufmann: Ich finde es zum Beispiel toll, dass wir durch die erneute Kooperation mit dem „Beatclub“ und Jörg Folta den faszinierten Ulrich Tukur im Programm haben. Oder, aus einer ganz anderen Richtung, mit Aurelia Shimkus eine großartige junge Pianistin, die gerade mit einem ECHO Klassik ausgezeichnet wurde. Wichtig sind aber beim Jubiläumsfest vor allem die Freunde! Dazu gehören auch unsere Artist-in-Residence: Mit dem MDR Sinfonieorchester, dem MDR Rundfunkchor und Kristjan Järvi kommen „alte Bekannte“, die sich aber so umfassend und mit so bedeutenden Werken präsentieren, dass man darüber nur glücklich sein kann. Dazu noch „Auf dass die Welt besser sei“, das die Hörspielredaktion des MDR ermöglicht hat. Da spürt man ganz besonders, dass über die letzten Jahre eine enge und vertraute Beziehung mit dem Mitteldeutschen Rundfunk und seinen unterschiedlichsten Abteilungen entstanden ist, die es ermöglicht, einige unserer Träume in die Realität umzusetzen. Würden wir allein die drei großen Weill-Projekte der MDR-Klangkörpern allein stemmen müssen, würde uns das absolut überfordern. Das muss man immer wieder herausstellen und auch mit Dankbarkeit und ja auch mit Glücksgefühlen für das Fest verbuchen, dass wir es geschafft haben, über viele Jahre eine Atmosphäre zu erzeugen, dass man gern zu uns kommt und auch das Besondere wagt.

Eines der großartigen neuen Elemente ist für mich auch unsere Kooperation mit dem Stadtmuseum in Halle. Die äußert sich im schon erwähnten „Dreisprung“: Durch die Verbindung mit dem Philosophen Christian Wolff wird die Aufklärungssituation so plausibel verortet, dass man dadurch einen leichteren Zugang auch zu Mendelssohn findet.

Ebenso im Jazz: Da trifft Bekanntes auf Unbekanntes und Neues. Wie beim Hörspiel „Auf dass die Welt besser sei“: ich hatte die Idee, eine Reflektion mit Musik und Text dazu zu machen, wie der Aufklärer Mendelssohn von Dessau nach Berlin wandert und habe dazu die großartige Julia Hülsmann eingeladen, uns eine Komposition dafür zu schenken. Rolf Schneider hat in einer unglaublichen Schnelle dazu den Text verfasst. Ich glaube, das wird einer der absoluten Höhepunkte des Festes. Und ich freue mich wahnsinnig, dass das Bundesjugendjazzorchester mit seinem Programm zum Reformationsjubiläum „Verley uns Frieden“ zu uns kommt und damit zeigt, wie lebendig auch die Beschäftigung mit Martin Luther sein kann.

Und natürlich bringen viele ehemalige Artist-in-Residence tolle Geburtstagsgrüße nach Dessau: Ute Gferer, James Holmes, Nils Landgren, die Anhaltischen Philharmonie, HK Gruber und das Ensemble Modern. Da trifft sich die Familie des Weltbürgers Kurt Weill in seiner Heimat: James kommt aus England, Ute aus Amerika, Nils aus Skandinavien, HK Gruber aus Wien und die Anhaltische Philharmonie ist quasi der Pol im Zentrum.

Das Programm des Kurt Weill Festes wirkt im Jubiläumsjahr politischer als bisher. Täuscht dieser Eindruck?

Prof. Michael Kaufmann: Ich glaube, man kann das gar nicht anders empfinden, weil die Themen immer noch so unglaublich aktuell sind. Da spielt der gesellschaftlich-politische Kontext, in dem wir uns befinden, eine besondere Rolle. Wenn nicht 25 bis 30 Prozent AfD-Wähler da wären, wenn es PEGIDA nicht gäbe und den zunehmenden Nationalismus in Amerika, Russland, der Türkei und sonst wo, würde man dasselbe Programm wohl nicht so politisch empfinden.

Das eigentlich Spannende ist ja, ob die Besucher sich diese Frage auch stellen werden, oder ob sie beim Programm etwas anderes beschäftigt. Ich finde es spannend, im Gespräch mit Künstlern und Besuchern herauszufinden, ob es immer die große, „laute“ Form braucht, um innerlich wacher zu werden, ober ob die kleineren Formate, bei denen man mit nur 70 oder 100 Menschen in einem Raum sitzt, wo man in einen intensiveren Austausch kommt, wo man auch stärker zu spüren glaubt, dass der Andere auch gerade den Themen der Zeit nachspürt und nicht nur da sitzt, nicht mindestens so stark ist. Das ist einer meiner großen Antriebe gewesen, das Programm so zu gestalten – auch wenn das Fest wieder ein heiteres, ein lebensfrohes Fest ist!

Die Suche nach einer Form, die mit Mitteln der Musik und mit einem Text mit philosophischen Betrachtungen das Thema so in den Blick nimmt und umspielt, dass man keine moralischen Zeigefinger spürt, man aber trotzdem fast automatisch auf diese Geschichte kommt. Es gibt ja im englischen für die Aufklärung den schönen Begriff des „Enlightenment“ – der Erleuchtung – und den sollten wir vielleicht viel mehr verwenden, weil klarer wird, was die Aufklärung letztlich will: Man bringt Licht dorthin, wo es nicht hell ist. Oder man macht es heller, wo es nur halb hell ist.

Ich hoffe, dass das Publikum die Frage, ob es ein bewusster gemachtes Programm zur gesellschaftspolitischen Fragestellung ist, mit „Ja“ beantwortet und sich trotzdem nicht belehrt fühlt. Ich würde es nicht jedes Jahr so machen, aber ich finde schon, dass wir uns damit auch selber zum Geburtstag beschenken. Lessing, der ja mit Moses Mendelssohn mehr als nur gut bekannt war, sagte einmal, dass das höchste Ziel der Kunst die Unterhaltung sei – und genau diesem Ziel folgen wir beim diesjährige Kurt Weill Fest.

Letztes Jahr haben Sie schon deutlich gemacht, dass zum Anhaltischen Theater eine sehr fruchtbare Beziehung wächst. Wie gestaltet sich die Zusammen-arbeit zum Geburtstags-Fest?

Prof. Michael Kaufmann: Die ist ganz fantastisch! Es wird natürlich immer jemanden geben, der bejammert, dass es kein Bühnenwerk von Weill gibt und natürlich müssen auch wir selbst ein wenig jammern, dass das Anhaltische Theater keine der „Broadway-Opern“ auf die Bühne bringen konnte. Aber da muss man eben ganz klar auch die Möglichkeiten sehen, die Johannes Weigand und das Haus haben. Ich bin jedenfalls sehr glücklich darüber, was das Anhaltische Theater, die Anhaltische Philharmonie und das Ballett einbringen, auch mit den „Drei Grotesken“ im Bauhaus, bei denen erstmals die drei großen Kultur-Dampfer der Stadt kooperieren.

Dass Johannes Weigand und Ballettdirektor Tomasz Kajda?ski meinen Wunsch erfüllen, „Der wunderbare Mandarin & Herzog Blaubarts Burg“ im Rahmen des Festes zu zeigen, ist absolut großartig. Das weckt natürlich unseren Ehrgeiz, dort möglichst viel überregionales Publikum in die Vorstellung zu locken. Denn dieser Abend ist einfach eine „Hauptstadtproduktion“. Es ist wirklich erstaunlich, was Kajda?ski wieder auf die Bühne gebracht hat, das muss die Welt sehen. Und besonders schön fand ich auch, dass es überhaupt nicht darum ging, ob der Impuls zu bestimmten Programmen von uns oder vom Theater kommt. Das zog sich bis zur Pressekonferenz im Oktober, bei der Johannes Weigand und Markus L. Frank völlig selbstverständlich ihre Programme im Fest vorgestellt haben. Markus L. Frank hat das Geburtstagskonzert so vorgestellt, als hätte er es selbst erfunden – was nicht weniger als großartig ist, weil es zeigt, dass es plötzlich eine emotionale Verbundenheit gibt. Wir verstehen uns als Kollegen einfach so gut, dass es, ganz salopp gesagt, völlig Wurscht ist, wer eine Idee hat – solange Sie Kurt dient. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen.

Wenn man das weiterdenkt, eine noch engere Verbindung denkt zwischen Kurt Weill und dem Theater, dann könnte man sich ja auch vorstellen, dass bestimmte Fördergelder des Festivals dafür eingesetzt werden, dass es mehr szenischen Weill gibt. Ich habe zwar sehr die Hoffnung, dass das Land nochmal in Klausur mit sich geht, was die Ausstattung des Anhaltischen Theaters betrifft. Aber ich glaube, es kommt auch darauf an, dass wir überlegen, was wir dazu leisten können, damit die Produktionen auch eine national bemerkenswerte Flughöhe erreichen.

Die Stiftung Bauhaus Dessau als wichtiger Kooperationspartner feiert 2019 das Bauhaus-Jubiläum. Gibt es schon Ideen, wie das Thema in die Weill Feste der nächsten Jahre einfließen kann?

Prof. Michael Kaufmann: Wir haben relativ früh entschieden, 2018 schon auf das Bauhaus zuzusteuern. Eine Zeit lang hatte ich die verwegene Idee, das Fest einfach „99 Jahre Bauhaus“ zu nennen, um schon mal den roten Teppich auszurollen. (lacht) Das kann man natürlich nicht machen, das wäre doch anmaßend und würde an bestimmten Stellen womöglich als Affront empfunden werden.

Aber es gibt sicher andere Möglichkeiten, das Bauhaus, seine Meister und die Zeit der Weimarer Republik in den Blick zu nehmen. Auch da kann Kurt Weill wieder der Kapitän der Reisegesellschaft sein, kann mit seinem „Kein U oder E – Just good Music“ einen Weg aufzeigen, der von Dessau über Berlin an den Broadway führt. Dann kann man sicher schon 2018 den Aufbruch spüren, der bei „100 Jahre Bauhaus“ im Jahr 2019 besondere Kraft entfaltet.

Besonders schön fände ich, wenn man einen Weg findet, um Hugo Junkers besser einzubeziehen. Er ist für mich leider immer noch eine so an der Seite stehende Figur, dabei spielt er für so viele Entwicklungen eine zentrale Rolle. Dass dieser geniale Erfinder-Unternehmer in Dessau und auch andernorts nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm zusteht, ist sehr schade – wobei ich natürlich sagen muss, dass auch ich noch nicht die richtige Idee dazu hatte, wie sich das ändern ließe. Und ich halte es für sehr erstrebenswert, die Beziehung zum Stadtmuseum Halle weiter zu führen, denn da gibt es noch viel zu entdecken und zu entwickeln – wenn man bei der großen Idee bleiben will, dass das Weill Fest in Dessau, Halle und Magdeburg spielt, als Landesinitiative zur Klassischen Moderne.

Also denken Sie über eine Verlängerung des Festivals nach?

Prof. Michael Kaufmann: (lacht) Ach, man muss doch immer träumen! Ich würde dem Kurt Weill Fest noch viel mehr zutrauen. Es wäre doch großartig, die Idee zu verwirklichen, die Philipp Oswalt und ich schon 2009 besprachen: gemeinsam mit dem Bauhaus ein „Zentrum der Musik der Klassischen Moderne“ zu gründen und dafür auch auf Landesebene die Kräfte für ein wirklich internationales Musikfest zu bündeln, das mit und durch Kurt Weill eine zentrale Figur hätte, die man weltweit kennt und versteht. Stellen Sie sich das vor, vor allem mit den technischen Möglichkeiten heute. Da könnte die Kurt Weill Foundation in New York genauso „next door“ sein, wie die legendäre Jazz-Abteilung der Eastman School of Music in Rochester.

Aber das ist natürlich ein Traum. Und so lange man den nicht verwirklichen kann, muss man einfach das Beste aus den Möglichkeiten machen, die man hat. Hauptsache der Glaube daran bleibt klar, dass in Dessau und der Region ein so unbeschreiblich inspirierender Reichtum liegt, wie kaum sonst wo auf der Welt. Man muss etwas bewegen wollen, dann kann man in gewisse Weise auch die Welt verändern und dafür stehen doch Luther und Mendelssohn und Christian Wolff und Fürst Franz und die Bauhausmeister und Kurt Weill. Vielleicht müssen wir einfach wieder mehr daran glauben. In Schillers Vorrede zur „Braut von Messina“ geht es zum Beispiel darum, das Materielle durch Ideen zu beherrschen. Und das ist so unfassbar gut in Weill und all den andern angelegt, dass man das doch ganz leicht sogar ein ganzjähriges Fest spielen kann. (lacht)

Anfang Januar hat die Kurt- Weill-Gesellschaft bekannt gegeben, dass Sie mit dem diesjährigen Fest auf eigenen Wunsch Ihren Abschied als Intendant nehmen werden. Wie kam es zu diesem für viele überraschenden Entschluss?

Prof. Michael Kaufmann: Ich glaube, Thomas Markworth – dem ich so viel zu verdanken habe und mit dem wir das Kurt Weill Fest so großartig entwickeln konnten – hat dazu schon etwas gesagt. Wir hatten von meinem ersten Tag an ein sehr vertrauensvollen Verhältnis und ich habe mit ihm von dem Moment an, als meine Verpflichtung zur Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz erfolgte, immer wieder darüber gesprochen, dass es sein könnte, dass ich „irgendwann“ nicht mehr beide Aufgaben zugleich leisten könnte.

Im Herbst 2016, als sich abzeichnete, dass wir bei der Staatsphilharmonie in eine wirklich sehr grundsätzliche Phase der Zukunftsgestaltung kamen, ich aber zugleich fand, dass es auch notwendig wäre, für das Kurt Weill Fest noch einmal mehr Zeit zu investieren, um zum Beispiel auch die Chancen, die sich durch das Bauhaus-Jubiläum für Kurt Weill ergeben, zu nutzen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir einzugestehen, dass ich beide Aufgaben nicht mehr zugleich würde leisten können. Oder zumindest nicht so gut leisten kann, wie ich das von mir selbst und wie die Träger, Förderer und das Publikum auch völlig zu Recht erwarten.

Ich bin Thomas Markworth und vielen weiteren Wegbegleitern sehr dankbar, dass wir die Situation sehr offen besprechen konnten und das Präsidium mich aus meiner Not „entlassen“ hat, ohne mir die Freundschaft zu kündigen. Wegzugehen ohne einander zu verlieren – das ist ja sehr oft eine Illusion. Es bedeutet mir sehr viel, dass ich meine Leidenschaft für das Fest, für die Stadt, für die Region, für die großartigen Themen, die hier verortet sind, nicht ablegen muss, sondern wohl auch in Zukunft willkommen bin, wenn auch als Gast.

Die Entwicklung des Kurt Weill Festes der letzten Jahre und viele Künstler, die zu erleben waren, sind eng mit Ihrer Person verknüpft. Was bedeutet Ihr Abschied für das Fest?

Prof. Michael Kaufmann: Da fällt mir die Antwort leichter, als auf andere Fragen: Mein Abschied bedeutet doch tatsächlich einen „Neustart“ für das Fest! Jetzt kommen neue Ideen, es kommen andere Künstler, die sicher auch spannende Geschichten erzählen. Darauf können wir alle nur neugierig sein und mit denen, die das Fest jetzt gestalten, auf spannende Kulturreisen in die Zukunft gehen. Auch wenn ich das nicht so geplant hatte, ist jetzt doch ein sehr guter Zeitpunkt – auch mit Blick auf das Bauhaus-Jubiläum 2019. In dieser Zeit werden viele Menschen auf Dessau und Sachsen-Anhalt schauen. Eine tolle Chance auch für das Kurt Fest West.

Was sind Ihre persönlichen Highlights Ihrer Dessauer Zeit?

Prof. Michael Kaufmann: Meine persönlichen Höhepunkte – das ist sehr schwer zu beschreiben, weil das nicht nur bestimmte Konzerte oder Veranstaltungen sind, sondern vor allem auch die Begegnungen mit besonderen Menschen und natürlich den von mir immer wieder genannten Themen. Als ich zum Beispiel für mich entdeckte, wie unmittelbar durch das Georgium und Fürst Franz die Aufklärung beeinflusst wurde und ähnlich wie durch das Bauhaus und die Bauhausmeister die Klassische Moderne vorangetrieben wurde. Und das Vertrauen, das mir geschenkt wurde, ist ein „Highlight“ – wie das Willkommen sein von Beginn an. Die Konzerte mit Julia Hülsmann im Bauhaus. Samstags-Spaziergänge zum Kornhaus. Der „Lohengrin“ von Andrea Moses, die „Lulu“ von Tomasz Kajda?ski. Und ein kleiner Urlaub im Roten Wallwachhaus in Wörlitz mit meiner Frau – mit einer Kahnfahrt unter anderem mit Sabrina Nußbeck, die hinter den Kulissen so viel für Kurt Weill und die Kultur überhaupt getan hat in der Stadt. Die Zusammenarbeit mit Jörg Folta und unsere kleinen Streitgespräche über Theodor W. Adorno, den grausamen Inquisitor der Musik im 20. Jahrhundert.

Die guten Gespräche, die ich in Magdeburg mit Ministerpräsident Reiner Haseloff und Staatsminister Rainer Robra führen durfte. Die große Geste von Patricia Werner von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung an meinem ersten Tag in Dessau. Dass ich neben Moses Mendelssohn auch Christian Wolff und das Stadtmuseum Halle entdecken konnte und mir so die Aufklärung so nah war, wie es davor nur Johann Sebastian Bach und Paul Gerhard waren. Die Sitzungen der Findungskommission für die Generalintendanz des Anhaltischen Theaters und die ersten Begegnungen mit Johannes Weigand gehören auch dazu – und noch viel mehr. Ich weiß da kaum, wo anfangen und wo aufhören!

Was wünschen Sie dem Kurt Weill Fest für die Zukunft?

Prof. Michael Kaufmann: Einfach das Beste. Die Aufrechterhaltung der Neugier. Oder etwas anmaßend formuliert: Das sich einlassen auf die sich bietenden Chancen – zum Beispiel eine kontinuierliche Kooperation der Opernhäuser des Landes, die reihum die großen Broadway-Werke spielen könnten und dadurch viele Gäste von auswärts nach Dessau, Halle und Magdeburg gelockt würden. Und noch viel mehr Unterstützung durch das Land Sachsen-Anhalt, das einen so großen Schatz mit Kurt Weill hat. Dass Ministerpräsident Rainer Haseloff 2013 die Ermunterung ausgesprochen hat, das Kurt Weill Fest zu einer noch deutlicher wahrnehmbaren „Marke“ für das Land zu machen, war großartig!

Der Anfang ist gemacht, aber ich bin sicher, dass noch viel mehr möglich ist. Folgte man dieser Einladung, würde Kurt Weill noch leuchtender für Stadt, Region und Land strahlen.

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