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1. Juli 2007: Die alten Ortsschilder verschwinden
1. Juli 2007: Die alten Ortsschilder verschwinden© Carsten Sauer/ Stadt Dessau-Roßlau

Es wird zusammenwachsen...

Veröffentlicht am Samstag, 01. Juli 2017

Das Gesicht unserer Region hat sich im Laufe der Jahrhunderte stetig verändert. Und das gilt nicht nur für Landschaften und Gebäude, sondern auch und insbesondere für politische Strukturen und das Identitätsgefühl ihrer Bewohner. Am 1. Juli jährt sich die landesweite Gebietsreform von 2007 zum 10. Mal. Und damit die Geburtsstunde der Doppelstadt Dessau-Roßlau. Ein offizielles Jubiläumsfest ist nicht geplant. Ein Anlass, auf die Gründe des Zusammenschlusses, den Weg zur Fusion und die weiteren Auswirkungen der Reform in der Region zu werfen, ist der besondere Jahrestag aber ganz sicher.

Am 30. Juni 2007 hörten zwei Städte mit jahrhundertealter Geschichte, mit eigenen Traditionen, Festen und Prioritäten, auf, zu existieren: Aus Dessau und Roßlau wurde am 1. Juli die Doppelstadt Dessau-Roßlau. Zugegeben, es war wohl eher eine Zweckehe als eine Liebesheirat. Erst wenige Jahre zuvor hatte Roßlau Eingemeindungsversuche durch Dessau abgewehrt – und in einem symbolischen Triumphzug dem Oberhaupt der damals defizitären Muldestadt die gut gefüllte Roßlauer Stadtkasse präsentiert.

Mit dem Beginn der Debatten um eine Neugliederung der Verwaltungsgemeinschaften und Landkreise Sachsen-Anhalts sahen sich die Nachbarn 2004 allerdings plötzlich vor Problemen, die nur gemeinsam gelöst werden konnten. Dessau, zur Wendezeit noch rund 100.000 Einwohner stark, musste aufgrund des stetigen Bevölkerungsrückgangs um den Status als drittes kreisfreies Oberzentrum unseres Bundeslandes fürchten. Ein drohender Verlust nicht nur für die Stadt selbst, sondern aufgrund ausbleibender Landes- und Bundesmittel auch für die Wirtschaft und kulturelle Vielfalt der Region. Roßlau wiederum, von 1952 bis 1994 immerhin selbst Kreisstadt, drohte mit seinen knapp 15.000 Einwohnern eine von vielen Gemeinden am Rande des neuen Landkreises Anhalt-Bitterfeld zu werden. Seitens der Landesregierung wurde auf eine Phase der freiwilligen Neugliederung gesetzt, aber auch unterstrichen, dass am Ende auch über die Köpfe der Gemeinden hinweg entschieden werden kann. Der gemeinsame Weg zur Doppelstadt schien daher nicht nur den damaligen Stadtoberhäuptern Hans-Georg Otto und Klemens Koschig die sinnvollste und zukunftsträchtigste Lösung. Eines jedoch machten die Roßlauer schnell und immer wieder klar: der Zusammenschluss wird nur als Fusion beider Städte erfolgen, mit beiden so ungleichen Partnern auf Augenhöhe und mit Zustimmung ihrer Bürger.

Schon im April 2004 hatten die Hauptausschüsse Dessaus und Roßlaus einen 16-Punkte-Plan vorgelegt, der eine deutlich engere Zusammenarbeit beider Städte in vielen Bereichen ankündigte. Nun jedoch galt es, auch die Einwohner beider Städte von den Vorteilen einer gemeinsamen Zukunft ebenso zu überzeugen wie von den möglichen Folgen eines Beharrens auf Eigenständigkeit. Es folgten Bürgerversammlungen beidseits der Elbe in bisher nicht gekannter Dimension, insbesondere in Roßlau wurde heiß diskutiert und argumentiert. Im März 2005 wurden die Bürger dann zur Abstimmung gerufen: in Dessau in Form einer, rechtlich unverbindlichen, Bürgeranhörung, in Roßlau mit einem Bürgerentscheid, dessen Ergebnis verpflichtend für die Verwaltung sein sollte. Am Ende setzten sich die Befürworter der Fusion in beiden Städten durch. Dem eindeutigen Votum der Dessauer – über 92 Prozent aller abgegebenen Stimmen wurden für den Zusammenschluss abgegeben – standen in Roßlau 51,7 Prozent „Ja“- und 48,3 Prozent „Nein“-Stimmen gegenüber. Letztendlich gaben 272 Stimmen den Ausschlag für die Bildung des neuen kreisfreien Oberzentrums Dessau-Roßlau.

Parallel entstanden bereits erste Entwürfe eines Fusionsvertrages und einer neuen Hauptsatzung für die Doppelstadt, die erneut in der Öffentlichkeit vorgestellt und beraten wurden. Nach Zustimmung beider Stadträte unterzeichneten Hans-Georg Otto und Klemens Koschig am 20. Juni 2005 den Fusionsvertrag. Am 11. November wurde die Fusion vom Landtag im Gesetz zur Kreisgebietsneuregelung festgeschrieben. Allerdings nicht, wie von beiden Städten gewünscht, mit Wirkung zum 1. Januar 2007, sondern erst zum 1. Juli, da zu diesem Zeitpunkt auch die Neugliederung der Landkreise in Kraft treten sollte. Die Fusion selbst wurde in der neuen Doppelstadt mit einem 2-tägigen Fest am 30. Juni und 1. Juli begangen, inklusive symbolischen Austauschs der Ortsschilder und einem Handschlag auf der Roßlauer Elbbrücke. Für den altersbedingt in den Ruhestand verabschiedeten Hans-Georg Otto hatte schon im November 2006 Karl Gröger die Amtsgeschäfte übernommen. Der 2015 verstorbene Bürgermeister war 1994 als Baudezernent von Roßlau nach Dessau gekommen. Roßlaus Stadtoberhaupt Klemens Koschig, seit der Wende Rathauschef der Schifferstadt, erblickte das Licht der Welt 1957 in Dessau, kam als Vierjähriger auf die andere Elbseite – und wurde mit dem Tag der Fusion erster Oberbürgermeister der neuen Doppelstadt.

Wenn zehn Jahre nach der Fusion immer mal wieder kleine und größere Konflikte aufbrechen, Reibereien oder persönliche Befindlichkeiten die gemeinsamen Ziele und Aufgaben in den Hintergrund geraten lassen, könnte es also nicht schaden, sich daran zu erinnern, dass die Menschen entlang von Elbe und Mulde schon immer viel mehr verbindet als sie trennt. Und dass zehn Jahre andererseits ein Wimpernschlag der Geschichte sind. Schließlich soll es sogar über 25 Jahren nach der Wiedervereinigung in Deutschland noch Menschen geben, die in Himmelsrichtungen denken.

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