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LEO Tagestipp
Johannes Weigand
Johannes Weigand© Hartmut Bösener

"Theaterförderung ist Investition, nicht Subvention"

Veröffentlicht am Donnerstag, 31. August 2017

Mit seinem Eröffnungskonzert geht das Anhaltische Theater Dessau am 2. September in seine 223. Spielzeit. Nur zwei Wochen später wird mit Verdis Opernklassiker „Otello“ die erste Premiere der neuen Saison zu erleben sein. Die folgenden Monate versprechen beschwingte Unterhaltung ebenso wie Inszenierungen, die zum Nachdenken anregen. Generalintendant Johannes Weigand, der mit dieser Spielzeit in sein drittes Dessauer Jahr geht, will als Regisseur mit dem Musical „Kiss Me, Kate“ sowohl an den Erfolg seines Publikumslieblings „Sugar“ anknüpfen, als auch mit dem Ein-Personen-Stück „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“ Einblicke in das Seelenleben einer Frau geben, deren Sohn als Terrorist fast 200 Menschenleben auf dem Gewissen hat. Auch das diesjährige Weihnachtsmärchen inszeniert er selbst. Im LEO-Gespräch spricht Johannes Weigand über diese scheinbar widersprüchliche Themenwahl, über seine neue Aufgabe beim Kurt Weill Fest und über die Zukunft der größten – und für viele auch schönsten – Bühne Sachsen-Anhalts.

Nach über zwei Jahrzehnten ist die Oper „Otello“ wieder in Dessau zu erleben. Wie hat sie es nach so langer Zeit wieder auf den Spielplan geschafft?

Johannes Weigand: „Otello“ hat es ja eigentlich nicht schwer, es auf den Spielplan zu schaffen, weil es eine populäre Oper ist. Aber es hat tatsächlich damit zu tun, dass wir den tollen Tenor Ray M. Wade, Jr. jetzt fest im Ensemble haben. Die Rolle des Otello ist wahnsinnig schwer zu besetzen. Wenn man jetzt jemanden hat, der das super kann, dann ist das ein Anlass, diesen Verdi wieder auf die Bühne zu bringen. Eigentlich ganz einfach. Und dann kommt natürlich dazu, dass wir ein Team haben, das sich für diese Oper interessiert. Man kann ja nicht jedem alles anbieten, da gibt es immer Zusammenhänge, aus denen das dann total logisch wird. Bei „Otello“ haben wir mit Hermann Feuchter einen Bühnenbildner der auch Maler ist und die große Drehbühne, die wir haben, wie ein abstraktes Kunstwerk bespielt. Darauf freuen wir uns sehr.

Als Regisseur widmen Sie sich mit dem Monolog „Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter“, dem Musicalklassiker „Kiss me, Kate“ und dem diesjährigen Weihnachtsmärchen „Aladin und die Wunderlampe“ sehr unterschiedlichen Themen und Genres. Warum haben Sie sich gerade für diese Inszenierungen entschieden?

Johannes Weigand: Ich bin ja nun einmal Regisseur und mag diesen Beruf sehr gern. Der besondere Reiz besteht genau darin, sehr unterschiedliche Sachen machen zu können. Wenn ich immer die Operette abspulen würde, wäre mir das sicherlich zu langweilig. Beim Weihnachtsmärchen ist es zum Beispiel toll, weil das Stück extra für uns geschrieben wird und man sozusagen an seiner Entstehung teilnimmt. Gerade „Aladin und die Wunderlampe“ ist natürlich ein Stück mit Verwandlungen und Verzauberungen – und wenn man dann weiß, was wir und unser Haus leisten können, ist dieser Entwicklungsprozess sehr spannend. Ich mag es, mit Sprechtext zu arbeiten. Das ist ja nicht so sehr meine Herkunft, auch wenn ich für das Schauspiel immerhin schon drei Monologe inszeniert habe. Aber das ist eine Arbeit, die so anders ist als das, was ich sonst mache, dass es einen ganz großen Reiz für mich bildet, sich über eine sehr lange Zeit mit einem einzigen Darsteller auseinanderzusetzen. Als Regisseur denke ich über szenische Vorgänge nach. In der Oper wird meine Arbeit sehr von der Musik bestimmt, bei einer Inszenierung wie „Gas“ muss man den Rhythmus des Stücks erst einmal selbst finden – in der Oper gibt die Musik ihn vor. Außerdem ist „Gas“ ein ganz tolles Stück, ein großartiger Text. Und eben auch einmal etwas Heutiges, das hat man in der Oper ja auch nicht, dass sie etwas thematisiert, das in den letzten zwei Jahren in den Nachrichten war. Das Interessante am Stück ist außerdem, dass es, geschrieben vom belgischen Autor Tom Lanoye, einen Monat vor dem Terroranschlag in Brüssel erschien. Lanoye hat sich also unabhängig davon mit dem Thema auseinandergesetzt und wurde dann eigentlich durch die Realität eingeholt.

Um noch einmal zum Weihnachtsmärchen zurückzukommen: Das hat in Dessau einen besonderen Status. Oder täuscht dieser Eindruck?

Johannes Weigand: Es ist nach meinem Gefühl so, dass die ganzen Abteilungen und Werkstätten da noch einmal mit einer anderen Wichtigkeit drauf schauen, um das Weihnachtsmärchen schön zu machen. Weil es diese Riesentradition hat und diesen riesigen Einzugsbereich. Als ich hier anfing, habe ich bei den Besprechungen zum Spielplan sehr gestaunt, als ich vorschlug, an den zwei Tagen vor Weihnachten etwas anderes als das Weihnachtsmärchen zu zeigen, weil ja dann schon Ferien seien. Da wurde mir erklärt, dass in Brandenburg die Ferien erst am Heiligabend beginnen und daher in dieser Zeit die Brandenburger Schulen zum Märchen kommen. Es hat einen riesengroßen Stellenwert und das ist natürlich super. Rund 25.000 Zuschauer sind Ausmaße, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können.

Wie wichtig ist diese künstlerische Nachwuchsarbeit, sowohl das Publikum als auch das Ensemble betreffend?

Johannes Weigand: Die ist elementar. Aber es ist hier in Dessau-Roßlau – und überhaupt in ganz Ostdeutschland – auch besonders, weil die Schulen und Lehrer Theater und die Auseinandersetzung mit dem Theater immer noch als Teil ihres Unterrichtes ansehen. Dadurch sind die Möglichkeiten, die wir haben, auch durch unsere Theaterpädagogin, sehr gut. Sie war jetzt schon auf den Lehrerkonferenzen, die immer vor Schuljahresbeginn sind, und sie wird mit offensten Armen empfangen. Das hat eine positive Routine. Ich glaube, dass Leute ins Theater gehen, wenn sie eine Erinnerung haben, dass sie als Kind auch schon dort waren. Es gibt eine Zeit, in der die Leute sehr wenig ins Theater gehen, das ist vor allem das Alter, in dem man Kinder bekommt. Da ist nicht so neu und teilweise auch logisch, weil man zum Beispiel abends natürlich eher zuhause ist, wenn man Kinder hat. Aber wenn man dann plötzlich Zeit hat, dann erinnert man sich an Dinge, die man mal erlebt hat. Deswegen sollten Kinder unbedingt ins Theater, weil sie später unsere Zukunft sind. Ganz klar. Das ist die Publikumsseite. Andererseits ist es für die Kinder und Jugendlichen natürlich auch super, Theater von der anderen Seite zu erleben. In unserem Jugendclub zu spielen, zum Beispiel. Mit unserem Kinderchor und Kinderballett sind die Mitmach-Möglichkeiten sehr groß. Diese Gruppen sind auch völlig unabhängig von der sozialen, lokalen oder nationalen Herkunft ihrer Mitglieder. Und sie bringen ganz einfach auch Leben ins Theater. Die Menschen, die hier dauerhaft arbeiten, sind ja alle ziemlich erwachsen. Wenn man die jungen Leute um sich hat, bekommt man auch ein bisschen etwas von der Welt mit. Und wenn man das nicht mitkriegen würde, könnte man kein Theater machen.

In dieser Spielzeit nehmen Sie zusätzlich zu Ihrer Intendanz am Anhaltischen Theater auch eine weitere besondere Aufgabe wahr: Gemeinsam mit Markus L. Frank bilden Sie sozusagen die Dessauer Hälfte des neuen Intendanten-Quartetts für das Kurt Weill Fest. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Johannes Weigand: Erst einmal Kurt Weill. (lacht) Es ist ja so, dass das Kurt Weill Fest schon immer sehr viel mit dem Theater zu tun hatte, weil das meiste hier stattfindet. Und es ist eben auch gut, wenn man schon in der Planung sozusagen eine Theatersicht dabei hat. Das erleichtert das ganze Prozedere und man kann von langer Hand planen. Und in diesem Jahr bietet es uns natürlich überhaupt erst die Möglichkeit, die „Dreigroschenoper“ zu spielen. Das könnten wir nicht, wenn das Weill Fest nicht als Produzent dabei wäre. Das ist natürlich ideal. Es ist 20 Jahre nicht hier gelaufen und ich wurde schon von unheimlich vielen Leuten gefragt, wann wir als Weill-Stadt denn endlich mal wieder die „Dreigroschenoper“ zeigen. Jetzt ist die Gelegenheit. Der Regisseur und Ausstatter hat über den Sommer schon Entwürfe gemacht, auf die ich sehr gespannt bin. Das ist einfach noch einmal eine andere Dimension. Ezio Toffolutti ist ein international gefragter Regisseur, das wird etwas ziemlich besonderes. Auch für unser Ensemble.

Im Spielzeitheft wird eine opulente Inszenierung versprochen. Was wird das Publikum erwarten?

Johannes Weigand: Das kann ich deswegen nicht verraten, weil ich den Ausstattungsentwurf noch nicht kenne. „Opulenz“ ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch das falsche Wort, denn ein Künstler denkt ja nicht in diese Richtung. Er entwickelt sein Konzept aus dem Lesen eines Textes heraus, aus seiner Perspektive – auch der zeitlichen, denn er lebt ja heute – und aus seiner Erfahrung heraus. Er ist auf jeden Fall ein Regisseur, der, weil er auch Ausstatter ist, optisch sehr starke Entwürfe macht. Ich gehe schon davon aus, dass es sehr interessant wird. Auf der anderen Seite hat sich Ezio Toffolutti aber auch ein bisschen in unser Theater verliebt. Opulenz heißt jetzt ja nicht, dass wir eine Million Euro für das Bühnenbild hätten oder so. Er wird es so gestalten, dass er auf die Eigenheiten unseres Theaters eingeht, das sehr groß ist und einen sehr großen Raum hat. Aber wir sind eben ein „Selbstmacherhaus“. Wir kaufen uns nicht irgendwo etwas ein oder lassen irgendwo anfertigen, sondern wir machen es selbst. So wie wir sind, wird auch die Aufführung geprägt, glaube ich.

Während die aktuelle Spielzeit gerade erst beginnt, müssen Sie nicht nur inhaltlich schon an die 224. und darüber hinaus denken. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Verhandlungen für den neuen Finanzierungsvertrag zwischen Stadt und Land?

Johannes Weigand: Ich erwarte und hoffe, dass wir das, was wir heute bringen können, auch in Zukunft bringen können. Es ist vollkommen klar, dass die Bedingung, dass so etwas funktionieren kann – dass wir gleichgroß und gleichstark bleiben – ist, dass wir das, was teurer wird, also in erster Linie die Gagen und die Preise, durch entsprechend wachsende Zuschüsse ersetzt bekommen. Es ist eben so, dass fast alle Theater in Deutschland in den letzten Jahrzehnten genau an diesem Fall geschrumpft sind. Wann immer eine Tariferhöhung von 2,5 Prozent kommt, bedeutet das für ein etwas größeres Theater Mehrkosten von 150.000 oder 200.000 Euro im Jahr. Das muss man irgendwo einsparen und dadurch kann man eben ein paar Leute nicht mehr weiter beschäftigen. An den Häusern, an denen ich bisher war, war das bis auf wenige Ausnahmen so. Wenn man Theater aber nicht grundsätzlich beschädigen oder schrumpfen lassen will, muss man also diesen Ausgleich schaffen, um auf demselben Niveau weiterarbeiten zu können. Wir haben nun mal das Pech, dass wir im Gegensatz zum Beispiel zu Energieversorgern steigende Kosten nicht auf den Preis umsetzen können. Theater muss bezahlbar bleiben. Daher sind wir darauf angewiesen, dass wir gefördert werden, dass man in uns investiert. Ich sehe das als eine Investition, nicht als Subvention. Die Hoffnung, dass das gelingt, ist sehr stark. Der Kontakt zur Landesregierung ist ziemlich gut, sie ist hier sehr präsent, Erklärungen in diese Richtung gab es auch bereits – jetzt hoffe ich, dass sie Wirklichkeit werden.

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