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November 2017
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LEO November 2017

Kurt Weill Fest 2015

Überall dieselbe alte Leier. Das Layout ist fertig, der Text lässt auf sich warten. Damit das Layout nun nicht nackt im Raume steht und sich klein und leer vorkommt, springe ich ein: der Blindtext. Genau zu diesem Zwecke erschaffen, immer im Schatten meines großen Bruders »Lorem Ipsum«, freue ich mich jedes Mal, wenn Sie ein paar Zeilen lesen. Denn esse est percipi - Sein ist wahrgenommen werden. Und weil Sie nun schon die Güte haben, mich ein paar weitere Sätze lang zu begleiten, möchte ich diese Gelegenheit nutzen.

Text zum Foto
City spielen seit Jahren fetten Glamrock und ihr geilster Song war "Am Fenster". © LEO Magazin

Das Kurt Weill Fest 2015 steht unter dem Motto „Vom Lied zum Song“. Ganz nüchtern betrachtet ist Song nur die englische Übersetzung von Lied. Dahinter steckt doch aber sicher mehr als der Wechsel der Sprache?
Prinzipiell hätte man dem Fest, hätte man es ganz richtig machen wollen, den Titel „Von Arie und Kunstlied zum Song“ geben müssen. Aber wie es heutzutage so ist, versucht man, es so einfach und griffig wie möglich zu machen, so dass die Menschen es verstehen. Aber Hintergrund ist diese unglaubliche Metamorphose, diese Entwicklung, die man insbesondere an Kurt Weill ab den 20er Jahren fest machen kann, dass die Tonsprache extrem populär wird, man trotzdem aber eigentlich auf dem Feld der sogenannten ernsten Musik bleibt, und sich dann auch diese Trennung zwischen U und E erst so richtig ausprägt. Diesen Korridor, in dem es entweder ernste Unterhaltung oder unterhaltende Klassik gibt, gab es damals ja noch nicht. Darauf spielt der Titel eigentlich an, um zu zeigen, wie bedeutend Kurt Weill für diese Entwicklung war.

Bei diesem Festival stehen neben den Komponisten auch die Autoren und Texter im Mittelpunkt, insbesondere mit Wilhelm Müller ein weiterer bedeutender Dessauer. Wie entstand diese Idee?
Ich finde schon länger, eigentlich seit ich mich intensiver mit Kurt Weill und seinem Schaffen beschäftige, faszinierend, dass er immer großen Wert darauf gelegt hat, mit wem er auf der Textseite arbeitet. Er war sehr davon überzeugt, dass es eine Vermählung zwischen Sprache und Musik geben muss und dass das untrennbar voneinander ist. Nach meinem Dafürhalten war das auch ein Grund, warum er in Hollywood nicht wirklich landen konnte. Da gab es einfach einen Text und er sollte dazu Musik machen, die Musik gerät quasi in eine untergeordnete, dienende Rolle oder vielleicht auch in eine übergeordnete. Und in diesem Zusammenhang dachte ich, dass Wilhelm Müller da gerade recht kommt. Wenn man sich stärker damit beschäftigt, welche Bedeutung der Text im Lied hat, macht man die für viele Menschen neue Entdeckung, dass der Mensch, der die Texte für die „Winterreise“ und die „Schöne Müllerin“ geschrieben hat, aus Dessau kommt. Und es ist ganz unabhängig von den Vertonungen auch ganz phantastische Literatur. Ich hoffe auch, dass man den Programmen, die ich seit ein paar Jahren mache, anmerken kann, dass wir versuchen, Neugier zu wecken und Geschichten zu erzählen. Diese Geschichte rund um Wilhelm Müller zu erzählen und ein bisschen besser verständlich zu machen, ihm mehr Beachtung zu schenken - sowohl in Dessau selbst, vor allem aber darüber hinaus - zu sagen „Seht mal hin, in dieser Stadt der klassischen Moderne gab es Moses Mendelssohn, da gab es einen aufklärerischen Fürsten und eben auch Wilhelm Müller.“ - da mache ich mich gern zum Dessau-Botschafter zu diesen unterschiedlichen Themen. Das Thema wird uns, wenn es gut geht, auch noch ein paar Jahre begleiten, nämlich was dieses Dessau und dieses Anhalt an Reichtum unserer mitteleuropäischen Gesellschaft, der Entwicklung einer humanen Zivilgesellschaft, bieten. Und ich hoffe, dass sich dieses Anliegen auch mit Wilhelm Müller verbindet.

Gefühlt wird das Festival in jedem Jahr größer und zieht zuverlässig immer mehr Besucher an. Haben Sie sich dieses Ziel auch für die aktuelle Ausgabe gesetzt?
Natürlich sind uns Grenzen gesetzt und natürlich kann man nicht unendlich viele Veranstaltungen machen, wenn man einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung hat. Ich denke manchmal auch, dass es völlig bekloppt ist, so viel zu machen. Aber es ergibt sich manchmal auch einfach. Man denkt, dass man eigentlich mit der Planung fertig ist, und plötzlich ergibt sich eine Gelegenheit, an der man unmöglich vorbei gehen kann. Es kommt auch vor, dass Künstler anrufen, die man nicht auf dem Radar hatte, und der gern dabei wäre. Wenn man es dann irgendwie hinbekommt, sagt man da auch nicht Nein. Die Konzerte in Magdeburg oder Halle kann man sich nicht einfach so vornehmen, das ist eine Entwicklung, die zwar sehr unkompliziert und wunderbar kooperativ zuging, das Fest und den Aufwand aber natürlich noch einmal erweitert. Ob das jetzt immer so sein wird oder vielleicht nur alle zwei Jahre, oder man mal mehr, mal weniger macht – das Kurt Weill Fest bleibt auf jeden Fall ein Dessauer Fest. Insofern wird das Fest also nicht größer, weil wir da sitzen und uns immer wieder selbst übertrumpfen wollen, es geht uns nicht um „höher, schneller, weiter“. Noch vor einigen Monaten hätte ich darauf gewettet, dass dieses Fest eine eher intime Geschichte wird, die gar nicht so großes Publikum anzieht. Dass es sich nun mit Ute Lemper, Katharina Thalbach und Co. dann doch so entwickelt hat, ist toll – aber ich war eher besorgt, ob wir so viel Karten verkaufen können, dass am Schluss das Festival finanzierbar ist.

Sie haben Halle und Magdeburg schon erwähnt, die „Entdeckungen“ wurden in Leipzig angeboten. Muss sich Dessau-Roßlau Sorgen machen, irgendwann nur noch eine von vielen Spielstätten des Kurt Weill Festes zu sein?
Nein, überhaupt gar nicht. Wir gehen mit den Veranstaltungen raus aus Dessau und Anhalt, weil wir ja auch eine Art Markenbotschafter für die Stadt sind. Dessau ist mehr als „nur“ die „Bauhausstadt“, hat als Stadt der klassischen Moderne noch viel mehr Themen, die erzählt werden können. Wenn man da mit den Institutionen, die wir hier haben, ein Teil von Stadtmarketing, von Markenbildung und Standortentwicklung sein kann, dann ist das ja erst einmal gut. Die Botschafterrolle finden wir eine wichtige, wenn man aber keine Inhalte hätte, die diese auch legitimieren, wäre es wiederum grotesk. Da hat sich in den letzten Jahren einfach der Wunsch von Außen entwickelt, auch einmal woanders hinzugehen. Das Wochenende in Magdeburg entstand beispielsweise durch eine Anfrage aus der Landesregierung, gerade als Stadt und Land der Moderne und im Vorfeld des Bauhausjubiläums 2019. Aber das Herz ist hier, das Herz schlägt in Dessau und für Dessau. Und das, was wir draußen machen, machen wir im Prinzip für einen Rückbezug, einen Rückspiegel hierher.

Die Dichte an großen Namen beim Kurt Weill Fest scheint in diesem Jahr so groß wie noch nie. Ist es die Anziehungskraft des Festivals oder sind es die guten Kontakte des Intendanten, die für so viele Hochkaräter sorgen?
Ich hoffe mal, beides. Es ist schon klar, dass sich das Festival im Laufe der Jahre so entwickelt hat, dass es auch für hochkarätigere oder bekanntere Künstler attraktiver geworden ist. Es ist ein Teil Beharrungsvermögen, an bestimmten Leuten dran zu bleiben und immer wieder um sie zu werben. Ob da dann der Kontakt und die Beharrlichkeit die größere Rolle spielen oder die Entwicklung vor Ort, ist unterschiedlich. Es gibt Beziehungen, das sind Leute, mit denen ich Jahre und Jahrzehnte gearbeitet habe, da ist weniger die Überraschung, dass sie überhaupt zu uns kommen, sondern in was für einem partnerschaftlichen Verständnis sie kommen. Das „Ensemble Modern“ beispielsweise könnten wir uns mit dem Budget, das wir haben, niemals leisten. Da ist es aber einfach so, dass dieses in Selbstbestimmung agierende Orchester durch seine Mitglieder jedes Jahr neu entscheidet, zu uns zu kommen, auch wenn seine Einnahmen nicht so sind wie sie woanders wären. Sie schätzen die familiäre, konstruktive Atmosphäre und kennen mich als Weggefährten schon sehr lang. Aber auch wenn es im ersten Moment immer schön ist, wenn es so aussieht, als hinge alles an dem tollen Intendanten – womit ich nicht nur mich meine, sondern grundsätzlich – muss man auch die Institutionen sehen, für die wir arbeiten. Die wollen wir natürlich in dem Geist, den wir mitbringen, entwickeln, aber sie sollen auch für sich selbst stehen. Es wäre ja fatal, wenn man denken würde, ich bringe meine feste Mannschaft mit und ziehe sie irgendwann auch wieder ab. Das wäre auch ein ziemlich verantwortungsloses Vorgehen. Ich finde es etwas ganz Besonderes, das bei meinem ersten Festival bestimmt ein paar Künstler sozusagen mir zuliebe hierher kamen, aber dann von den anderen Menschen hier so eine Atmosphäre geschaffen wurde, dass sie sich total wohl fühlen. Ich hoffe jetzt nicht, dass sich jemand sagt „Dann brauchen wir den Kaufmann ja nicht mehr.“, aber im Prinzip ist es so, dass das Feld, das insgesamt besteht, eine Attraktivität, hierher zu kommen, auslöst – und das ist ein großes Glück.

Neben den neuen Stars gibt es auch ein Wiedersehen mit „alten“ Bekannten wie James Holmes, Ute Gferer, HK Gruber und dem Ensemble Modern. Wie werden diese Künstler zum Weill Fest zu erleben sein?
Es gibt vom Publikum eigentlich immer zwei Aufträge: wir sollen uns nicht zu sehr wiederholen und wir sollen etwas Neues bringen. Andererseits bin ich aber zutiefst davon überzeugt, dass man, wenn man Geschichten erzählen will, wenn man Menschen den Zugang zu Themen schaffen will, die ihnen nicht von Anfang an vertraut sind, eine persönliche Beziehung aufbauen muss. James Holmes könnte heute den Leuten ganz andere Dinge präsentieren als bei seinem ersten Konzert in Dessau, weil die Leute Vertrauen in ihn haben und wissen, dass er ihnen nichts schlechtes vorsetzen wird, auch wenn sie es nicht kennen. Dadurch erweitern sich die möglichen Inhalte, das werden wir beim Thema 2016 noch stärker spüren. Und dadurch stehen die Leute, die auf der Bühne stehen, inzwischen noch mehr dafür, dass man zu den Konzerten geht. Ganz besonders toll finde ich, dass das „Ensemble Modern“ mit HK Gruber, Ute Gferrer und vielen anderen internationalen Stars die legendäre „Dreigroschenoper“-Produktion, die sie zuletzt 2004 gespielt haben, nach zehn Jahren noch einmal für uns herausholt und damit sicher Menschen aus ganz Deutschland anzieht. Das ist also eine ganz besondere Situation, die wir auch nur deshalb hinbekommen, weil die DVV als Sponsor mit einem substanziellen Betrag dabei ist. Es gibt auch Wiederbegegnungen, wie beispielsweise die beiden Programme mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit „Royal Palace“ und dem „Mahagonny-Songspiel“, die eigentlich sehr komplexe Geschichten sind, die man auf „freier Wildbahn“ so nicht entwickeln kann. Das geht nur, weil ich auf beiden Stühlen sitze und diese Geschichten so steuern kann, dass sie für das Weill-Fest bezahlbar und für die Staatsphilharmonie finanziell überlebbar sind. Das hätten wir mit anderen Ensembles nicht hinbekommen. Und so muss man eben manchmal aus der Not eine Tugend machen und es so planen, dass es dem Publikum doch als etwas Neues erscheint und nicht etwa als ein Notnagel. Das fände ich ganz problematisch, wenn es so wirken würde. Aber darin liegt die besondere Aufgabe, dass man die Künstler und Ensembles, die häufiger kommen, sich immer wieder in anderen Kontexten präsentieren lässt. Oder ihnen eine Spielfläche bietet, die sie sonst nicht haben. Das „Ensemble Modern“ kommt zum Beispiel so gern zu uns und macht Ausnahmen, was die Honorierung betrifft, weil es keinen anderen Veranstalter gibt, der ihnen in einem solchen Paket anbietet, auch Kammermusik zu machen. Der Inhalt des großen Ensemblekonzertes wechselt immer, der des Kammerkonzertes zwar auch, aber es ist trotzdem seit inzwischen vier Jahren eine Konstante im Festivalprogramm. Natürlich bin ich immer hin- und hergerissen, ob ich Künstler nochmal bringen kann, ob es sich irgendwann erschöpft, ob eine Pause auch für den Künstler besser wäre, um wieder neue Ideen zu entwickeln. Aber ich hoffe, dass ich diesen Balanceakt bisher ganz gut hinbekommen habe.

Welche Rolle spielt die Kooperation mit lokalen und regionalen Partnern?
Ich finde sie absolut essenziell und wichtig. Ich glaube auch, dass man das im Vergleich von früher zu jetzt ganz gut sehen kann. Gerade Partner wie das Kiez oder der Beatclub haben heute ein viel selbstverständlicheres Mitspiel im Fest. Auch so, dass sie, wenn sie das wollen, ihre eigene Marke darin erkennen und sich intensiv einbringen können. Am Ende macht das ja uns alle gemeinsam irgendwie reicher. Dieter Meier gäbe es beim Festival einfach nicht ohne (Beatclub-Chef) Jörg Folta, „Frivol am Pol“ im Autohaus Heise auch nicht. Ich finde, da muss man auch klar erkennen, wo die eigenen Kontakte und Kentnisse aufhören. Da bin ich wahnsinnig froh über die Partnerschaften, die wir haben. Was das Anhaltische Theater betrifft, finde ich, dass einfach zu wenig aus der Kooperation gemacht wird. Oder, dass es in den letzten Jahren gar keine wirkliche Kooperation war. Da hoffe ich, dass sich das verbessert. Denn es ist natürlich schade. Wenn man sich allein dieses Jahr anguckt: wir machen vier komplette szenische Weill-Werke – und keines davon kommt aus dem Anhaltischen Theater. Das ist eine traurige Geschichte, aber ich will gar nicht mehr so viel Energie darauf verschwenden, nach hinten zu diskutieren. Da gucken wir einfach nach vorn. Wenn sich beispielsweise die Leute im Eichenkranz, in der Johanniskirche oder der Auferstehungkirche nicht selbst mit einbringen würden, dann würde sich das auch nicht als ein echter Festspielort vermitteln. Ich glaube, dass man hier ganz gut spüren kann: wenn jemand mitmacht, dann macht er das auch aus Überzeugung. Das Weill-Fest ist deshalb ein so erfolgreiches Fest, weil es diese Kooperationen gibt. Wir selber würden das einfach nicht schaffen. Ich bin überzeugt davon, dass ich noch so einen vollen Rucksack mit noch so tollen Künstlern aus der ganze Welt haben könnte – das, was das Ganze im besten Sinn zum familiären Fest, zum Fest einer Stadt macht, kommt nur durch die, die kooperieren, die mit uns partnerschaftlich verbunden sind, die es als ihr Fest begreifen. Das Weill-Fest kommt nicht zu Gast irgendwo hin, es gehört uns. Das ist eine unglaubliche Qualität, das empfinde ich auch als ein großes Geschenk. Denn das kann man sich nicht einfach mal so vornehmen. Ich bin zwar jemand, der unheimlich gern kooperiert, aber es kann genauso gut passieren, dass man irgendwo hin kommt, gemeinsam etwas machen will und auf wenig Begeisterung stößt. Das ist hier anders und das finde ich toll.

Dass Ihnen der Nachwuchs besonders am Herzen liegt, haben Sie schon in den letzten Jahren bewiesen. Wie sieht es diesmal mit spezifischen Angeboten aus?
Diesmal fehlt uns da ein bisschen etwas. Das liegt aber, glaube ich, auch am Thema. Und natürlich wie immer an den finanziellen Ressourcen. Diesmal haben wir nicht das spezielle Angebot für Kinder und Jugendliche, wie letztes Mal mit „WeillFM“ oder davor die Kinderkonzerte. Es hat sich bei dem Thema nicht so richtig ergeben. Ganz selbstkritisch müsste man sagen, es ist einfach nicht auf dem selben Niveau wie es in den letzten Jahren war. Ich bin aber überzeugt davon, dass trotzdem viele interessante Programmpunkte dabei sind, gerade für jüngere Leute. Das ist auch eine Frage von Vermittlung, also zu sagen „Hör Dir mal die Texte an. Das ist Deine Sprache.“. Das ist es, was ich auch so faszinierend finde: die Texte sind 60, 70 Jahre alt und älter, aber sie sind total aktuell und haben eine unglaubliche Intensität. Darüber, dass wir einfach nichts hinbekommen haben, war ich erst einmal ziemlich traurig, entsetzt, vielleicht auch panisch, inzwischen sehe ich es etwas entspannter. Denn wenn die, die wir durch die Programme der letzten Jahre schon gewonnen haben, sich jetzt an die Hand nehmen ließen, um diesen Weg weiter zu gehen, dann hätten wir vielleicht sogar einen Sinn darin, es diesmal nicht zu haben. Was wir parallel aber machen ist die Kooperation mit inzwischen zehn Schulen, mit Besuchen im Kurt-Weill-Zentrum und ähnlichem. Es ist also nicht so, dass es, nur weil es im Festprogramm nicht auftaucht, nicht existiert. Es verlagert sich, auch durch den Zuwachs mit dem Moholy-Nagy-Haus, in die Notwendigkeit, sich ganzjährig etwas einfallen zu lassen und auch da Aktionsflächen zu schaffen. Wer Jugendprogramme also im Programm vermisst, muss vielleicht ein wenig auf die Seite gucken. Und was die Nachwuchsförderung auf der Bühne betrifft, ist es mindestens auf dem Niveau der letzten Jahre. Ich würde sagen, es gibt kaum ein Festival, das einen so großen Anteil an jungen Künstlern präsentiert, die an der Grenze zwischen Ausbildung und späterem Beruf sind. Wir haben dieses Jahr zum Beispiel zum ersten Mal das Landesjazzorchester dabei, es gibt wieder junge Sänger bei der Staatsphilharmonie zu erleben – und ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen. Da denke ich schon, dass wir unserem Ruf erneut gerecht werden, das Nachwuchsfestival zu sein.

Der Vorverkauf läuft auf Hochtouren. Lässt sich schon eine kleine Zwischenbilanz ziehen?
Ich finde es immer schwierig, darüber zu reden, weil die Messe ja eigentlich erst richtig gesungen wird, wenn das Festival beginnt. Aber es ist so, dass die Warteliste für das Thalbach-Konzert schon kurz nach dem Vorverkaufsstart größer war als die Kapazität der Marienkirche. Wir überlegen daher, ob wir das Konzert vielleicht nochmal wiederholen können. Die beiden Lemper-Konzerte waren ganz schnell ausverkauft, das Eröffnungskonzert auch. Es läuft also ganz gut, die Leute, die den Kartenvertrieb machen, sind ganz zufrieden. Ich bin wie jedes Jahr recht angespannt, denn wenn wir nicht wenigstens eine schwarze Null produzieren, dann belastet es entweder die Zukunft oder diesen kleinen Verein. Wenn man sich einmal die grundsätzliche Struktur vergegenwärtigt, mit der wir arbeiten und was wir mit diesem Fest darauf setzen, dann ist das auch immer ein Balanceakt zum Thema Risiko. Irgendwie sind die Leute rund um mich, die es wissen müssen, sehr positiv und gehen davon aus, dass es wieder so viele oder sogar noch mehr Besucher gibt als letztes Jahr, auch dadurch, dass wir die Außenspielorte wie das Theater in Magdeburg haben. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, wenn man will, dass es diese auch durchaus intime Situation zwischen Künstler und Publikum gibt, dann muss man mit so einem Thema, wie wir es in diesem Jahr haben, insbesondere in kleinere Räume gehen. Ich kann das einfach nur schwer im Anhaltischen Theater transportieren, wenn ich einen klassischen Liederabend mache. Da ist es viel schöner, wenn ich damit in den Eichenkranz gehe – aber da habe ich nur 140 Plätze. Das heißt, die bewusste Entscheidung dafür, für den Inhalt die jeweils passende Raumform zu finden, reduziert an verschiedenen Stellen erst einmal die Gesamtkapazität an Tickets. Aber rund um mich gibt es entspannte Blicke. Das lässt darauf schließen, dass die Erfolgsstory sich fortsetzt.