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Februar 2018
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LEO Tagestipp
Gerhard Kämpfe
Gerhard Kämpfe© Reinhard Scheuregger

"Kurt Weill ist immer ein ganz großes Thema"

Veröffentlicht am Montag, 29. Januar 2018

„Weill auf die Bühne!“ heißt es zum diesjährigen Dessauer Kurt Weill Fest vom 23. Februar bis 11. März. Fast 50 Veranstaltungen sind an zahlreichen Spielorten in Dessau-Roßlau, Halle, Magdeburg und anderen Städten zu erleben, prominente Künstler versprechen ein abwechslungsreiches Programm für das internationale Publikum. Die künstlerische Leitung der Festspiele liegt nach dem vorzeitigen Abschied von Prof. Michael Kaufmann erstmals in den Händen eines vierköpfigen Intendantenteams. Der Berliner Kulturmanager Gerhard Kämpfe, Kurt-Weill-Experte Dr. Jürgen Schebera sowie Johannes Weigand und Markus L. Frank, Generalintendant bzw. Generalmusikdirektor am Anhaltischen Theater Dessau, verantworten das 26. Festival, das unter anderem mit der „Dreigroschenoper“ und Stars wie Till Brönner oder Jan-Josef Liefers begeistern will. Begeistert ist Gerhard Kämpfe als Sprecher des Quartetts aber auch von der Zusammenarbeit mit seinen Kollegen, wie er im LEO-Gespräch unter anderem verrät.

Wie kam es zu Ihrer Co-Intendanz und was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Gerhard Kämpfe: Es kam dazu, weil der Präsident der Kurt-Weill-Gesellschaft, Thomas Markworth, einen Nachfolger suchte – wozu er gezwungen war, weil Prof. Kaufmann ja doch früher ging als ursprünglich gedacht. Ich denke, er kam durch ein Gespräch mit Prof. Budde (Anm.: Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches) auf mich, der ihm sagte: „Frag mal den Kämpfe, der hat doch gerade als Intendant die Jüdischen Kulturtage in Berlin erfolgreich abgeschlossen.“ Und ich bin wohl auch – in den Augen der Anderen, sonst wäre es Eigenlob – einigermaßen erfolgreich mit meinen Veranstaltungen wie dem „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt oder der „Pyronale“. So kam es also zu einem Telefonat und ich fand Weill ein sehr spannendes Thema, seine ganze Zeit, sowohl in Deutschland als auch in Paris und dann in New York. Also haben wir uns zusammengesetzt und ich wurde gefragt, ob ich denn bereit wäre, mit den drei anderen Herren als Intendantenteam zu kooperieren. Ich habe dann verhältnismäßig schnell erkannt, dass ich da drei tolle Mitstreiter an meiner Seite habe. Und das hat sich so bis heute fortgesetzt. Das ist ein wirklich tolles Team, ein richtiges Kleeblatt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit in diesem Kleeblatt, das für das Kurt Weill Fest ja eine Premiere ist?

Gerhard Kämpfe: Man hat mich ja sozusagen zum Sprecher gewählt – oder wie ich es nenne zum „pip“, dem „primus inter pares“ (Anm.: Erster unter Gleichen). Für die Inhalte setzen wir uns zusammen, jeder legt seine Vorschläge auf den Tisch und dann wird gemeinsam entschieden, was wir machen. Dabei ist die Unterschiedlichkeit der vier handelnden Personen eigentlich das Prägende. Wir haben Johannes Weigand, der ein exzellenter Theatermann ist, mit einem großen Erfahrungsschatz. Wir haben den Jüngsten im Team, Markus L. Frank, der musikalisch einfach hervorragend gebildet und ausgebildet ist.

Und wir haben mit Dr. Jürgen Schebera eben den Weill-Fachmann am Tisch, der uns, wenn es sein muss, auch sagen kann, welche Farbe die Krawatte von Weill am 15. Februar 1927 hatte. (lacht) Das ist also eine Zusammenfügung unterschiedlichster Talente und Erfahrungen. Und ich denke, ich kann da meine Erfahrung als künstlerischer Leiter und Co-Veranstalter des „Classic Open Air“-Festivals und vieler anderer Veranstaltungen einbringen. Mein Glück ist natürlich auch, dass im Laufe der Jahrzehnte ein ziemlich großes Netzwerk zu Künstlern der unterschiedlichsten Art entstanden ist. Wenn man das alles zusammenlegt, ergibt das ein gemeinsames Ganzes. Und so wie es bisher aussieht, wenn man die Vorverkaufszahlen sieht, stehen wir damit sehr gut da.

Welche Rolle spielten Kurt Weill und seine Musik bisher in Ihrem Berufs- und Privatleben?

Gerhard Kämpfe: Im Berufsleben gab es natürlich das eine oder andere Mal Begegnungen mit Kompositionen von Weill. Durch die enge Freundschaft mit Leuten wie zum Beispiel Katharina Thalbach, die sich ja sehr viel mit Brecht und Weill beschäftigt hat, oder ein relativ freundschaftliches Verhältnis zu Ute Lemper, die Weill schon in den ersten Jahren ihrer Karriere musikalisch umgesetzt hat, gab es auch da mehr oder weniger Berührungspunkte. Aber den Schliff in Sachen Weill bekam ich durch die inzwischen 12 oder 14 Fahrten Berlin-Dessau-Berlin mit Dr. Schebera an meiner Seite. Er ist ja ein wandelndes Lexikon. Ich denke, ich habe auf diesen Fahrten mein Wissen über Weill, Eisler und Brecht – von dem ich bis dahin annahm, dass es schon recht fundiert sei – mit Sicherheit verfünffacht.

Wenige Monate sind nicht gerade ein großzügiger Zeitraum, wenn es um die Organisation eines mehr als zweiwöchigen Festivals geht. Konnten Sie auf einem vorhandenen Fundament aufbauen oder war es sozusagen ein kompletter Neustart?

Gerhard Kämpfe: Es gab ja eine ganze Menge von Vorschlägen und Dingen, die fast schon traditionell stattfinden. Es gab die Spielorte, die seit vielen, vielen Jahren bespielt wurden. Es gab auch durch unseren Vorgänger Prof. Kaufmann, der nach meiner Einschätzung eine exzellente Arbeit gemacht hat, vorhandene Grundlagen. Es war also schon viel vorhanden, das wir dann wieder mit Leben füllen, respektive entscheiden mussten, was wir als traditionelles Unterfangen weiter fortsetzen wollen und welche Akzente wir neu setzen sollten.

Mit Till Brönner ist es zum 26. Kurt Weill Fest erneut gelungen, einen Weltstar als Artist-in-Residence zu gewinnen. Wie wird der Musiker im Rahmen der Festspiele zu erleben sein?

Gerhard Kämpfe: Er wird am Eröffnungsabend im Konzert Weill-Titel interpretieren, zusammen mit der Anhaltischen Philharmonie. Und er wird zwei Konzerte zusammen mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg spielen. Das klingt auf den ersten Blick sehr minimalistisch. Ein Trompeter und ein Kontrabass, das kann man sich eigentlich kaum vorstellen – wenn man es nicht erlebt hat. Denn wenn man es dann erlebt, hinterlässt es bleibenden Eindruck. Als Markus L. Frank das Konzert zum ersten Mal gesehen hat, war er völlig begeistert, obwohl er es sich selbst als Musiker vorher nicht richtig vorstellen konnte. Insofern bin ich froh, dass es uns gelungen ist, diesen tollen Künstler zu holen.

Aber es gibt ja auch noch andere Dinge wie zum Beispiel „Radio Doria“ mit Jan-Josef Liefers, die ebenfalls Weill-Titel singen werden. Wir sehen an den Verkaufszahlen, dass es ankommt – wir konnten sogar ein zweites Konzert einschieben, weil das erste innerhalb weniger Tage ausverkauft war. Mit Jochen Kowalski haben wir sicherlich einen Künstler, der spannend ist und mit seinem Salonorchester die 20er Jahre und natürlich auch Weill hervorragend bespielt. Dagmar Manzel haben wir ebenfalls gewinnen können. Für mich eine der ganz Großen in Deutschland, sowohl als Schauspielerin als auch als Sängerin. Bis hin zu Ilja Richter und seinem Georg-Kreisler-Abend glaube ich, dass uns da eine ganze Menge gelungen ist.

Haben Sie ein persönliches Highlight – oder müssen Sie als Intendant alle Programmpunkte gleichberechtigt toll finden?

Gerhard Kämpfe: (lacht) Ich muss nicht, aber ich glaube, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass wir als Team hinter jeder der Veranstaltungen stehen, die wir machen. Aber ich freue mich natürlich besonders über zwei Dinge. Einmal die „Dreigroschenoper“, die sicherlich das populärste Werk von Weill ist, nach 20 Jahren erstmals wieder inszeniert auf der Dessauer Bühne zu haben. Und mit Ezio Toffolutti ist es uns gelungen, einen Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner der ersten Garde Europas zu engagieren. Ich habe Ezio vor ein paar Wochen in Venedig getroffen. Schon seine ersten Entwürfe für Bühnenbild und Kostüm fand nicht nur ich toll, sondern wie Johannes Weigand mir erzählte, waren bei seiner ersten Präsentation im Theater auch dort alle begeistert von ihm.

Nicht zu vergessen ist aber auch „La BETTLEROPERa“ am 25. Februar mit der Musik und den Texten von Moritz Eggert. Also, die Lyrics der Musik sind von Eggert, die Texte sind die Originale aus John Gays „The Beggar’s Opera“, dem „Urwerk“ von 1728, aus dem auch die „Dreigroschenoper“ entstand. Auch diese Gegenüberstellung finde ich sehr reizvoll.

Sie selbst sind nicht nur hinter den Kulissen aktiv, sondern auch im Rampenlicht zu erleben. Was können Sie dazu verraten?

Gerhard Kämpfe: Da muss ich ein bisschen ausholen. Im Rahmen der „Jüdischen Kulturtage“ 2016 und auch 2017 gab es einen Abend im Berliner „Renaissance-Theater“ mit dem Titel „Lerne lachen ohne zu weinen“. Bei den „Jüdischen Kulturtagen“ ging es mir darum, dass, wenn wir über jüdische Kultur sprechen, die Shoa mit Sicherheit der Tiefpunkt der jüdischen Geschichte ist, aber eben nicht das einzige Thema sein kann. Da will ich auch auf den jüdischen Humor abheben, der meiner Erfahrung nach allseits beliebt ist. Dieser Abend im „Renaissance-Theater“ bestand aus einer Band und jüdischer humoristischer Literatur, von Kishon und Tucholsky bis Woody Allen. Wir hatten tolle Schauspieler, die diese Werke auf der Bühne gelesen haben, dazu die jiddische Musik. Meine Frau, die • Schauspielerin und Regisseurin ist, hat diesen Abend gestaltet, kam 14 Tage vor der ersten Vorstellung zu mir und meinte: „Wir haben jetzt einen tollen Abend mit toller Musik und toller Literatur. Was fehlt, ist der pure jüdische Witz.“ Dazu muss man wissen, dass ich für meine jüdischen Witze berüchtigt bin. (lacht) Ich liebe sie und erzähle sehr viele. Mein ganzes Umfeld kennt das.

Das „Renaissance-Theater“ hat zwei Logen rechts und links der Bühne, die mit Vorhängen versehen sind, heute aber nicht mehr genutzt werden. Da hatte meine Frau die Idee, dass ich das Publikum begrüße und danach von der Bühne verschwinde, in der rechten Loge sitze und nach einigen Musikstücken und Lesungen den Vorhang aufmache, den Kopf rausstecke, einen jüdischen Witz erzähle und danach den Vorhang wieder schließe. Ich hatte zuerst die „Muppetshow“ im Kopf, aber ich habe mich dann getraut – und meine Frau hatte recht, die Leute haben wirklich gebrüllt vor Lachen. Das habe ich drei Mal aus der rechten und nach der Pause drei Mal aus der linken Loge gemacht. Dies alles haben wir auch 2017 wiederholt, das Theater war komplett ausverkauft. Meine Kollegen im Intendantenteam meinten daraufhin, dass sie beim Kurt Weill Fest ja alle etwas vor dem Publikum machen.

Markus L. Frank dirigiert, Johannes Weigand ist mehrfach zu erleben und Dr. Jürgen Schebera gestaltet ebenfalls einige Abende selbst. Also müsse ich auch etwas tun, nämlich mit einem Jüdische-Witze-Abend. Ich fand das erst einmal ziemlich eitel, die Kollegen bestanden jedoch darauf, dass wir darüber abstimmen. (lacht) Ich habe mich enthalten, aber es gab drei Stimmen dafür. Also mache ich jetzt einen Abend gemeinsam mit dem Gitarristen Karsten Troyke, der ein wunderbarer jiddischer Musiker ist, an dem ich im Sinne Weills Anekdoten und jüdische Witze erzählen werde.

Neben seiner Musik soll auch der Mensch Kurt Weill im Kontext seiner Zeit im Fokus des Programmes stehen. Wie wird das geschehen?

Gerhard Kämpfe: Es gibt eine ganze Menge von Gesprächen über Weill. Wir haben die November-Bewegung, zu der es ein Symposium geben wird. Wir sind natürlich auch zu Gast bei der jüdischen Gemeinde in Dessau. Es gibt also auch die unterschiedlichsten Betrachtungen zur Herkunft Weills, nämlich aus einer jüdischen Kantorenfamilie, was ihn sicherlich auch geprägt hat.

Das Kurt Weill Fest endet nicht, wie noch im gedruckten Programm angekündigt, mit dem Musical Play „Lady in the Dark“, sondern mit einem weiteren Weltstar aus Deutschland, Ute Lemper. Wie kam es zu der Programmänderung?

Gerhard Kämpfe: Das ist etwas kompliziert. Wir hatten vor, bei „Weill auf die Bühne“ „Lady in the Dark“ konzertant vorzustellen. Wir hatten dazu in Wien ein langes Gespräch mit dem Präsidenten der Kurt Weill Foundation for Music, der uns erzählte, dass es davon eine Radiofassung gibt, die ich als halb-inszeniert bezeichnen würde. Verbunden mit der Frage, ob wir das nicht machen wollten. Wir haben dann mit dem MDR gesprochen und geplant, das gemeinsam als Abschlusskonzert zu gestalten. Ein halb-inszeniertes Konzert, also sowohl mit den Dialogen als auch mit der Musik. Wir haben das in die Planung aufgenommen, alle waren von der Idee begeistert.

Nach langen Gesprächen mit der Weill Foundation, die ja das Recht an dem Werk hat, mussten wir aber feststellen, dass die Umsetzung, wie sie von ihr gewünscht war – also mit einem internationalen Cast und einem international arrivierten Regisseur, der auch Weill-erfahren ist – einfach zeitlich und technisch nicht möglich war. Wir haben zwei Tage Probenzeit beim MDR und gehen in das Anhaltische Theater genau am Tag des Konzertes. Da ist natürlich für einen Regisseur zu wenig Zeit zum Proben und dafür, es auch wirklich inszeniert umzusetzen. Deswegen haben wir uns mit der Foundation abgesprochen und gesagt, dass wir uns bemühen, mit etwas längerem Vorlauf „Lady in the Dark“ eventuell – das sage ich ganz vorsichtig – 2019 auf die Bühne zu bringen. Dafür mussten wir aber jetzt eine schnelle Entscheidung treffen, weil wir ja auch ein so irrsinnig gedrängtes Programm haben.

Zahlreiche Programmpunkte sind inzwischen ausverkauft, bei vielen anderen werden die Tickets ebenfalls knapp. Ganz unzufrieden sind Sie mit dem Vorverkauf also wahrscheinlich nicht, oder?

Gerhard Kämpfe: Ich bin sogar sehr glücklich, denn wie mir aus Dessau signalisiert wird, nähern wir uns Rekordzahlen. Wir lagen Anfang Dezember schon bei fast 80 Prozent der zu vergebenden Tickets. Das ist eine wirklich tolle Zahl und wenn es so weitergeht, denke ich mal, dass wir ein sehr schönes Ergebnis in Bezug auf die Besucherzahlen haben werden. Wobei wir als Intendantenteam ja einerseits die Verpflichtung haben, uns ein gutes Programm auszudenken und unser Netzwerk einzusetzen – ich denke, das ist mit diesen großen Namen gelungen. Dann haben wir die Verpflichtung, das alles auch so wie geplant auf die Bühne zu bringen und das Publikum zu begeistern und das Ganze, das ist der dritte Punkt, in dem uns vorgegebenen finanziellen Rahmen. Wie es jetzt aussieht, dürfen wir Aufgabe 1 als gelungen ansehen. Dass es uns gelingt, das Publikum zu begeistern, hoffen wir doch sehr. Wir kennen ja die Künstler und wissen, was sie draufhaben. Und die bis jetzt vorliegenden Verkaufszahlen zeigen uns auf einem sehr, sehr guten Weg, dass wir auch im Rahmen des vorgegebenen Etats bleiben.

Wie wird es 2019 weitergehen?

Gerhard Kämpfe: Wir haben uns schon Ende November zusammengesetzt und über die Planung für 2019 gesprochen. Wir haben da gemeinsam, denke ich, viele sehr interessante Ideen entwickelt und auch schon einige sehr spannende Künstler angesprochen.

Und das ist übrigens sehr interessant: Egal, mit wem man redet, ob Schauspieler oder Sänger, populär oder nicht so populär – sobald man Kurt Weill sagt, sind sie wie elektrisiert. Das finde ich ganz toll und das ist eine Erfahrung, die ich jetzt natürlich zum ersten Mal mache. Kurt Weill ist in den Augen der Künstler immer ein ganz großes Thema.

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