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Till Brönner Artist-in-Residence zum Kurt Weill Fest 2018
Till Brönner Artist-in-Residence zum Kurt Weill Fest 2018© Andreas Bitesnich

"Musik ist im Nahbereich eines göttlichen Gutes"

Veröffentlicht am Montag, 29. Januar 2018

Till Brönner ist der Weltstar unter den deutschen Jazz-Trompetern. Er wurde mehrfach mit dem Musikpreis „Echo“ ausgezeichnet, musizierte als einziger deutschsprachiger Jazzmusiker für US-Präsident Barack Obama, platziert sich mit seinen Alben regelmäßig in den Charts und gibt sein Wissen als Hochschulprofessor an die nächste Musikergeneration weiter. Genregrenzen haben den Wahl-Berliner noch nie interessiert. Aber nicht nur diese Gemeinsamkeit mit Kurt Weill macht ihn zum perfekten Artist-in-Residence des aktuellen Kurt Weill Festes.

Welchen Bezug haben Sie zu Kurt Weill?

Till Brönner: Meine Eltern sind genauso wie ich Grenzgänger in der Musik. Sie hören Klassik und Jazz und vieles mehr. In meiner Kindheit muss ich also das erste Mal Kurt Weill begegnet sein. Das war aber noch ganz unbewusst. Richtig kennen und schätzen gelernt habe ich seine Musik erst in den USA. Der amerikanische Weill ist von vielen Größen der Branche wie Sammy Davis jr. und Louis Armstrong lackiert worden mit lieblichen und schwelgerischen Klängen.

Ich habe mich dann viel mit Weills Musik beschäftigt und habe dabei die Zwischentöne und bissigen Kommentare in seinen Texten und Melodien entdeckt. Weill ist es wie kaum einem anderen Komponisten gelungen, ernste Themen in unterhaltende Melodien einzubinden, ohne dabei den Zeigefinger ständig erheben zu müssen. Er ist für mich der Bill Evans der klassischen Musik, der seine lyrische, seine traurige und seine stolze Seite trotz aller Repressalien und der Vertreibung nie vergessen oder aufgegeben hat. Als Deutscher kommt man nicht umhin, sich seines Schicksals anzunehmen.

Kurt Weill ist bekannt dafür, nie zwischen E- und U-Musik unterschieden zu haben, sondern nur zwischen guter und schlechter. Ihr bisheriges Schaffen lässt vermuten, dass Sie das ähnlich sehen?

Till Brönner: Ich bin etwas überrascht, dass diese Maxime bereits von Kurt Weill stammt. Ich finde sie beschreibt aber auch genau meine Art des Musizierens. Musik ist im Nahbereich eines göttlichen Gutes. Wir können Musik durch Trennung in Genre und vieles mehr nicht wirklich gerecht werden. Stattdessen sollten wir nach dem gemeinsamen Ursprung der Musik suchen. Eine Beurteilung über die Qualität ist dann das Sinnvollste! Wenn Musik keinerlei Reaktion auslöst – nicht mal Ablehnung – dann ist etwas schiefgelaufen.

Beim Kurt Weill Fest sind Sie gemeinsam mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg sozusagen als „kleinste Band der Welt“ zu erleben. Wie entstand die Idee dazu und wie wurde daraus ein abendfüllendes Programm?

Till Brönner: Das Projekt „Brönner & Ilg“ gibt es nun mittlerweile schon seit sieben Jahren. Wie so oft begann es als ein vollkommen spontanes und singuläres Projekt. Wir wollten einfach experimentieren. Daraus wurde eine langjährige Partnerschaft. Es geht um die Reduktion auf das Wesentliche. Die Trompete ist bildlich gesprochen das Dach und der Bass der Keller. Diese beiden Elemente reichen quasi schon, um ein Haus zu bauen. Gerade über diese kleine Besetzung können wir ein überraschend großes Spektrum an Musik präsentieren.

Bei der CD-Produktion diskutierten wir über das Repertoire und dabei wurde uns eigentlich erst bewusst, wie frei wir durch diese kleine Besetzung in der Auswahl sind. Die Basis ist bei jedem Stück gleich. Durch unsere spezielle Interpretation mit Hilfe von Rhythmik und weiteren Farben können wir quasi die fehlenden Elemente im Ohr des Zuhörers entstehen lassen. Dadurch bekommt die Musik etwas zeitloses, eigenständiges und einzigartiges. Wir verzichten auf die „Verpackung“. Das Publikum bekommt normalerweise den gesamten Klangkosmos präsentiert und konsumiert ihn einfach. Wir laden das Publikum ein, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern aktiv zu zuhören und seine Phantasie spielen zu lassen. Der Mensch ist in der Lage, Musik zu „vervollständigen“, wenn etwas „fehlt“. Wir hören Orchestrierungen und Atmosphären, die gar nicht gespielt werden. Die Besetzung von Trompete und Bass ist dafür absolut geeignet.

Wir sind selber gespannt auf die Reaktionen des Publikums und freuen uns, einen der ersten Auf-tritte mit dem Programm in Dessau zu haben.

Songs von Leonard Cohen, den Beatles und Britney Spears, Stücke von Jerome Kern, Johnny Green und Ornette Coleman, Kompositionen von Johann Sebastian Bach und Melchior Vulpius, aber auch einige Eigenschöpfungen haben wir für das Programm zusammengestellt. Wir spielen bekannte Lieder und Werke mit ganz eigenen Farben. So kann das Publi-kum seine Hörerfahrungen überprüfen und sich vielleicht neu verlieben in den schon viele Male gehörten Klassiker.

Als Artist-in-Residence wird man Sie in Dessau nicht nur musikalisch erleben, sondern auch im Gespräch. Über welche Themen sprechen Sie am liebsten mit Ihrem Publikum?

Till Brönner: Über die Musik! Was sonst! Das Verbale war zu keinem Zeitpunkt mein Hauptmetier oder gar meine große Begabung. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich an dieser Sache auch nicht vorbeikomme.

Das Sprechen über die Musik öffnete vielen Menschen die Tür zu meinen Interpretationen. Ich sehe das nicht als Manipulation an. Es ist das bewusste Aussprechen einer Einladung, mir in meine Welt und meine Musik zu folgen. Ich war immer der Meinung, je persönlicher ich über die Musik spreche, umso mehr sind die Menschen in ihr gefangen.

Jenseits Ihrer Konzerte und Alben sind Sie begeisterter Hobbykoch und seit einigen Jahren auch als Fotograf erfolgreich, haben eine Professur in Dresden, wohnen in Berlin und Los Angeles und sind Familienvater. Langweilen Sie sich manchmal auch?

Till Brönner: (lacht) Ich glaube, Langeweile ist nicht zu verwechseln mit einem leeren Kalender. Ich glaube, dass eine sehr dichte und bunte Art von beruflicher Tätigkeit auch Langeweile beinhalten kann. Ich denke, dass sehr beschäftigte Menschen oft mit Langeweile zu tun haben bzw. gegen sie ankämpfen, indem sie sich noch mehr Beschäftigung suchen.

Heute sind Sie der erfolgreichste deutsche Jazzmusiker. Aber wie kommt man als Kind auf die Idee, unbedingt Trompete spielen zu wollen?

Till Brönner: Die Trompete hat mich irgendwie angeschrien, könnte man sagen, sie zu spielen. Es war anfangs ein optischer und akustischer Reiz. In den 70er Jahren, in denen man noch viele Band rechts und links der Showtreppe sehen konnte. Da war für mich dieses handliche Instrument in den Händen der manchmal übergewichtigen Menschen etwas sehr attraktives. Diese Jungs wirkten wie Kumpel. Schon früh hatte ich das Bild, das es wohl viel Spaß machen müsste, die Trompete zu spielen. Dazu hat mir noch die Musik zugesagt, das lag auch an meinem Vater, der diese Musik mochte, so dass ich dadurch mit dieser quasi aufgewachsen bin.

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