LEO — Das Anhalt Magazin

Dein Kompass durch Klub,
Kultur und Kneipe in Anhalt.

Oktober 2018
Oktober 2018
LEO Oktober 2018
LEO Tagestipp
Wolfgang Thöner (rechts) in der Modellbauwerkstatt
Wolfgang Thöner (rechts) in der Modellbauwerkstatt© Harmut Bösener

Aus dem Schatten

Veröffentlicht am Freitag, 02. Mrz 2018

Das Dessauer Ausflugslokal Kornhaus ist das wohl bekannteste Bauwerk von Carl Fieger. Viele Jahre stand der Bauhaus-Architekt im übermächtigen Schatten von Walter Gropius, in dessen Architekturbüro er als Zeichner angestellt war. Doch der Einfluss Fiegers auf die berühmtesten Bauhausbauten und die moderne Architektur insgesamt war deutlich größer, als bisher allgemein bekannt ist. Das ist insbesondere das Ergebnis der Dissertation von Dr. Uta Karin Schmitt, die als Basis der neuen Jahresausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau dient. „Carl Fieger. Vom Bauhaus zur Bauakademie“ verspricht lebendige Einblicke in ein spannendes Kapitel Dessauer Architekturgeschichte. LEO sprach mit Wolfgang Thöner, dem Leiter der Sammlung der Stiftung Bauhaus und gemeinsam mit Dr. Schmitt Kurator der neuen Ausstellung, die ab 22. März zu erleben sein wird.

Wie entstand die Idee, im Jahr vor dem großen Bauhausgeburtstag Carl Fieger zu würdigen?

Wolfgang Thöner: Unser großes Jahresthema 2018 ist „Standard“. Wir sind bereits vor Jahren darauf gekommen, dass das gut zu Carl Fieger passt und hatten auch schon lange vor, eine Ausstellung zu ihm zu machen. Fieger hat jahrzehntelang in Dessau gelebt und war hier Ende der 20er und dann nochmal von 1945 bis 1952 auch in der Architektur führend tätig. Seine Witwe wollte nach seinem Tod 1960, dass sein Nachlass zusammen und auch in Dessau blieb. Er sollte durch eine Institution bewahrt, erforscht und ausgestellt werden. 1988 hat sie uns daher testamentarisch das Erbe ihres Mannes hinterlassen. Der Nachlass ist auch wissenschaftlich bearbeitet worden, eine intensive Erforschung konnten wir aus eigener Kraft aber nicht leisten. Dafür arbeiten wir oft mit Universitäten zusammen. Mit Dr. Uta Karin Schmitt, die ihre Dissertation über Fieger geschrieben hat, haben wir schon zuvor einige Veranstaltungen durchgeführt, zum Beispiel 2012 im Kornhaus. Schon damals haben wir gesagt, dass wir auch eine Ausstellung planen. Jetzt passt es eben sehr gut, denn das Thema „Standard“ zieht sich durch sein ganzes Leben. Obendrein feiern wir im Juni auch noch, sozusagen als Bonus-Anlass, den 125. Geburtstag Fiegers.

Sind Sie durch die intensive Auseinandersetzung auf Aspekte aus dem Leben und Werk Fiegers gestoßen, die Ihnen vorher noch unbekannt waren?

Wolfgang Thöner: Es gab tatsächlich Überraschungen und großartige Entdeckungen. Zum Beispiel dazu, wie eng die Zusammenarbeit mit Walter Gropius oder wie groß der Beitrag Fiegers zu seinen Bauwerken wirklich war. Aber auch zu seinem Einstieg ins Berufsleben. Das war 1910/11 im Team von Peter Behrens. Dort lernte er auch Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier und viele andere berühmte und wichtige Architekten des 20. Jahrhunderts kennen, die dort ihre „Lehrjahre“ verbrachten.
Eine andere Entdeckung ist, was Carl Fieger im 3. Reich gemacht hat. Er hatte, wie viele andere Bauhaus-Architekten, lange Zeit faktisches Berufsverbot und konnte nicht als selbständiger Architekt arbeiten. Das gelang ihm erst 1937/38 wieder. Seit zwei Jahren wissen wir durch Exponate, die wir 2016 von Verwandten der Familie Fieger erhalten haben, dass er im Team von Werner March das olympische Dorf im Westen Berlins zur Olympiade von 1936 mitent-worfen hat, das auch heute noch existiert. Denn unter den neuen Stücken, die wir erhalten haben, war auch eine Broschüre „Das olympische Dorf“ mit einer persönlichen Widmung von Werner March • an seinen Mitarbeiter Carl Fieger für die sehr gute Zusammenarbeit. Wir werden sie in der Ausstellung auch zeigen. Ebenso wie eine olympische Medaille, die wir schon länger im Archiv hatten und nun endlich auch erklären können.
Außerdem wissen wir nun eindeutig, dass er der Architekt des ersten Plattenbaus der DDR ist, der bis heute, inzwischen unter Denkmalschutz, in Berlin steht. Bisher wurde er immer nur als Leistung des Kollektivs der Bauakademie bezeichnet – was er auch ist, aber unter Leitung von Carl Fieger und als Ergebnis der Zusammenarbeit mit dem in Roßlau geborenen Richard Paulick, der als Student von der TU Berlin ans Bauhaus kam. Ab 1928 war er Büroleiter des Dessauer Teils des Büros von Walter Gropius und freundete sich mit dem zehn Jahre älteren Carl Fieger an. Paulick wurde 1949 Vizepräsident der Bauakademie. Er war verantwortlich für Wohnungsbau, Typisierung und Normierung – also wieder das Thema Standard – und holte Fieger, der in Dessau arbeitete, an die Baukademie.
Die sicherlich wichtigste Erkenntnis ist aber, dass Carl Fieger schon ab 1924 als eigenständiger Architekt bekannt war. Er hat ein Doppelhaus für Ärzte entworfen, das nie realisiert wurde, sowie ein Rundhaus. Es sollte aus standardisierten und vormontierten Elementen gebaut werden, als Metallhaus oder aus Beton. Dieses Haus werden wir als 1:1-Modell, aufblasbar, auch am Bauhausgebäude errichten. Es hat 70 Quadratmeter, bietet also Platz für eine ganze Wohnung, und soll zeigen, wie man sich 1924 eine Kleinwohnung zu erschwinglichen Preisen vorgestellt hat. Für viele Besucher wird auch das sicherlich eine Entdeckung sein.

Wieviel Carl Fieger steckt in den berühmten Bauhausbauten?

Wolfgang Thöner: Das kann man sehr gut am Entwurfsprozess sehen. Zum Bauhausgebäude gibt es beispielsweise sechs bekannte Vorentwürfe, die wir auch in der Ausstellung zeigen – und einige davon tragen deutlich die Handschrift von Carl Fieger. Gropius selbst war, das ist hinlänglich erforscht, kein guter Zeichner, sondern hat seine Ideen im Gespräch an seine Mitarbeiter weitergegeben, die sie in Zeichnungen umsetzten. Und in Diskussion dieser Zeichnungen haben die Mitarbeiter dann wiederum andere Entwürfe gemacht. Der wichtigste Partner, gerade in der frühen Dessauer Zeit, war dabei Carl Fieger. Man kann deutlich sehen, dass Fieger eben nicht nur die Dinge, die Gropius gesagt hat, umgesetzt hat, sondern auch eigene Vorschläge einbrachte. Aber er war natürlich Angestellter von Gropius und letztendlich steht auch richtigerweise der Namen von Walter Gropius auf den Entwürfen – das ist heute in großen Architekturbüros nicht anders.

Welche Rolle spielt das Haus Fieger, sein Dessauer Wohnhaus, in der Ausstellung?

Wolfgang Thöner: Das Haus selbst befindet sich in Privatbesitz und kann verständlicherweise nicht besichtigt werden. Aber wir haben aus dem Nachlass alle Möbel und werden auch großformatige Fotos aus den Lebzeiten Fiegers sowie ein kleines Modell des Hauses zeigen. Oder idealerweise zwei Modelle, denn der Vorentwurf war noch etwas anders als die dann spiegelsymmetrisch ausgeführte Variante. In der Ausstellung wird außerdem der Grundriss des Gebäudes zu sehen sein und auf diesem einige der Möbel. Man kann sich durch den maßstabsgetreuen Grundriss ganz gut vorstellen, wie groß bzw. klein eigentlich die Wohnfläche war. Es ist wirklich ein Minimalhaus, das war ja sein Thema. Das Standardisierte und Normierte kann man daran auch sehen.
Standardisierung hat, nebenbei gesagt, auch bei Fieger immer zwei Seiten. Einerseits die „harten“ Standardisierungsmerkmale. Das betrifft in erster Linie den Bau und reicht von verschiedensten Methoden, mit vorgefertigten Elementen zu arbeiten, bis hin zum Plattenbau und anderen Möglichkeiten. Und dann gibt es natürlich auch die „weiche“ Variante, nämlich den Standard im Wohnen. Wie gestaltet man einen Grundriss? Wie sinnvoll ist es, Räume abzutrennen oder einen fließenden offenen Raum zu lassen? Wie teuer dürfen Möbel sein und wie kann man sie günstig und dennoch den modernen Ansprüchen und dem ästhetischen Empfinden angemessen gestalten? Das sind Fragen des Wohn- und eines ästhetischen Standards, die bei Fieger immer eine große Rolle spielen.

Woher stammen die Exponate der Ausstellung?

Wolfgang Thöner: Zu über 90 Prozent aus den eigenen Beständen. Die Modelle seiner Bauten sind eigens für die Ausstellung in unserer Tischlerei entstanden. Hinzu kommen einige Leihgaben aus dem Stadtarchiv und dem Landesarchiv. Besonders attraktiv sind zwei Entwürfe aus dem Stadtarchiv Dessau-Roßlau. Es war nämlich vorgesehen, in Zusammenarbeit mit einer damaligen Leipziger Firma eine sehr spektakuläre nächtliche Illuminierung des Kornhauses zu installieren. Mit feinen, leuchtenden Linien sollte das Gebäude auch nachts wirken. Die Entwürfe sind auf schwarzem Papier gezeichnet, großformatig und hier zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Und dann haben wir auch noch einige Ausstellungsstücke aus dem Bauhaus-Archiv in Berlin erhalten. Natürlich hoffen wir im Rahmen der Ausstellung auch, dass sich vielleicht noch Dinge über Carl Fieger in Privatbesitz finden. Obwohl wir im Vorfeld sehr intensiv recherchiert haben.

Was können Sie zum Begleitprogramm sagen?

Wolfgang Thöner: Es wird natürlich Sonderführungen durch Dr. Schmitt und mich geben. Hinzu kommen Vorträge, die den Brückenschlag zur Gegenwart bilden oder das „Bauhaus Lab“ zum Jahresthema. Ein besonderes Highlight ist ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Ausstellungsmacher mit den Bauhaus-Agenten aus unserem Haus, mit dem wir alle Altersgruppen anregen wollen, sich selbst spielerisch mit dem Thema Standard auseinanderzusetzen. Dazu können Besucher einige Elemente aus Fiegers Architektur unter eine Kamera legen, die dann sofort digitalisiert werden. Mit wenigen Handgriffen montieren sie auf einem interaktiven Tisch ideale Architekturen oder Städte, die auf einen großen Bildschirm projiziert werden. So kann sich jeder mit standardisierten Elementen dem Thema Architektur nähern.

LEO Tagestipp mit deinen Freunden teilen:

Weitere Tagestipps