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Dr. Savelsberg, Abteilungsleiter Schlösser und Sammlungen der Kulturstiftung Dessau-WörlitzLEO Glücksmoment
Dr. Savelsberg, Abteilungsleiter Schlösser und Sammlungen der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz© Hartmut Bösener

Südseeträume in Wörlitz

Veröffentlicht am Donnerstag, 26. April 2018

Universalgenie Alexander von Humboldt nannte ihn den „hellsten Stern meiner Jugend“. Kaiser und Könige lauschten seinen Berichten ebenso wie die fortschrittlichsten Geister seiner Epoche. Kein Deutscher hatte im 18. Jahrhundert mehr von der Welt gesehen als er. Georg Forster war Wunderkind, Weltreisender, Ethnologe, Schriftsteller, Aufklärer und Revolutionär. Trotzdem ist der Mitbegründer der ersten Demokratie auf deutschem Boden heute fast in Vergessenheit geraten. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz widmet dem Entdecker nun ein eigenes Themenjahr, das von zwei Ausstellungseröffnungen umrahmt wird. Denn zwischen Forster und Fürst Franz, zwischen Wörlitz und der Südsee, gibt es eine ganz besondere Verbindung.

Der Schatz, der ab Anfang Mai 2019 nach rund 30 Jahren erstmals wieder in Wörlitz zu sehen sein wird, scheint erst einmal ziemlich unspektakulär. Kein Gold oder Silber, keine kostbaren Geschmeide, keine filigrane Handwerkskunst. Stattdessen Alltagsgegenstände aus Bast, Stein, Federn, Muscheln und Holz. Und doch stellen die Objekte der Wörlitzer Südsee-Sammlung einen unschätzbaren Wert dar und sind teilweise vielleicht sogar weltweit einmalig. Gesammelt wurden sie von Georg Forster, der im Sommer 1772 gemeinsam mit seinem Vater Johann Reinhold den berühmten James Cook auf seiner zweiten Weltumseglung begleitete. Die Suche nach einem geheimnisvollen Kontinent südlich von Australien blieb zwar erfolglos, lieferte aber einmalige und völlig neue Einblicke in die Inselwelten der Südsee, von Neuseeland bis Tahiti, von Tonga bis Neukaledonien. Rund 500 Zeichnungen fertigte der erst 17-jährige Forster von der Tier- und Pflanzenwelt Polynesiens an, sein ausführlicher Reisebericht wurde international zu einem Fenster in einen ebenso unbekannten wie faszinierenden Lebensraum. Und seine Reise prägte auch Georg Forsters äußerst aufgeklärtes Bild von der Natur des Menschen, die überall gleich ist und damit auch alle Menschen gleichberechtigt macht.

Zahllose Objekte brachten die Forsters von ihrer mehr als dreijährigen Reise zurück. Mehr als 30 von ihnen bilden die Wörlitzer Südsee-Sammlung, die Fürst Franz und seine Gattin Louise persönlich von Georg Forster erhielten. Rund 150 Jahre war die Sammlung in Wörlitz ausgestellt, vor knapp drei Jahrzehnten verschwand sie aus der Öffentlichkeit. Ihre Rückkehr wurde durch den Historiker, Journalisten und Buchautor Dr. Frank Vorpahl initiiert, der neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit für das Kulturmagazin „Aspekte“ jede freie Minute dem Leben und Wirken Forsters widmet. Dass ihn sein Weg irgendwann nach Wörlitz führen würde, war also nur eine Frage der Zeit.

Der erste Teil der von Dr. Vorpahl kuratierten Dauer-ausstellung stellt ab 6. Mai dieses Jahres mit Georg Forster und dem Fürstenpaar die Protagonisten dieses spannenden Kapitels in den Mittelpunkt, das Wörlitz und die Weltgeschichte, Entdeckerdrang und den Geist der Aufklärung in sich vereint. Neben dem originalen Logbuch von James Cook, dem Bord-Journal der Forsters sowie Zeichnungen und Gemälden werden auch die ersten Exponate der Südsee-Sammlung zu sehen sein, die im kommenden Jahr komplettiert wird. Schon jetzt verspricht die Ausstellung aber, zu einem Erlebnis für alle Sinne zu werden.

Im LEO-Gespräch gibt Dr. Wolfgang Savelsberg, Abteilungsleiter Schlösser und Sammlungen der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, Einblicke in das Ausstellungsprojekt und die Entstehungsgeschichte der Sammlung.

Was hat die Südsee mit Wörlitz und der Aufklärung zu tun und wie kam es zur ungewöhnlichen Verbindung zwischen Fürst Franz und Georg Forster?

Dr. Savelsberg: Das hat sogar ganz unmittelbar mit Aufklärung zu tun, denn sie bedeutet ja auch Neugierde an allem, was sich auf der Welt tut, um daraus schöpfen zu können und es weiterzugeben. Wie die Sammlung in den Besitz des Fürsten kam, ist tatsächlich eine besondere Geschichte. Ursprünglich waren Louise und Franz 1775 nur für einen Kuraufenthalt in Bath zu ihrer gemeinsamen Englandreise aufgebrochen. Aber dann war die Neugierde doch zu groß und sie fuhren alle bedeutenden Schlösser und Landschaftsgärten ihrer Zeit an. Am Ende dieser Reise, im Oktober 1775, besuchten sie dann erst das British Museum und am Nachmittag ging es zu den Forsters. Diese waren gerade erst von ihrer mehr als dreijährigen Fahrt zurückgekehrt und waren dabei, ihre Sammelobjekte und Aufzeichnungen zu sortieren und aufzuarbeiten. Von den Forsters wurden die Gäste natürlich sehr freundlich aufgenommen. Naturforscher waren in dieser Zeit immer darauf angewiesen, durch gute Kontakte möglichst gut honorierte Jobs zu bekommen. Das war wahrscheinlich auch der Grund, aus dem sie dem Fürstenpaar angeboten haben, sich ein paar Objekte auszusuchen.

Welche Objekte waren das?

Dr. Savelsberg: Weil Louise an der Reise sehr interessiert war, bekam sie von Georg Forster die von ihm handgezeichnete, wenn auch wahrscheinlich mehrfach kopierte, Karte der Reise um die Welt geschenkt, die noch bis ins 20. Jahrhundert erhalten war, aber heute als einziges Stück der Sammlung verschollen ist.

Ansonsten waren es aus der Sicht Forsters wohl nicht die besten und bedeutendsten Objekte, von denen er sich trennte. Wobei wir aber auch sehr schöne Stücke haben. Das ist zum Beispiel ein Brustschmuck aus Federn und mit kleinen Haifisch-Zähnen, der wirklich vollständig erhalten ist, zur Zeit aber noch konserviert und restauriert wird. Wir haben Angelhaken, mit denen Tintenfische gefangen wurden. Oder eine Kopfstütze, auf der die Insulaner gern geruht haben.

Was wir schon jetzt zeigen können, sind Objekte im Zusammenhang mit einer Südseeschönheit, von der es auch ein Gemälde gibt, das auch die „Mona Lisa der Südsee“ genannt wird. Von dieser Prinzessin Poedua haben wir ein Baströckchen, mit dem sie getanzt hat, sowie eine Haarsträhne. Die Polynesier haben Haarsträhnen als Rohstoffe genutzt, um für die Priesterinnen Hauben aus geflochtenem Haar herzustellen, in die wiederum Blüten mit Duftstoffen gesteckt wurden. Außerdem haben wir noch ein Notenblatt von Forster, auf dem er die Musik der Polynesier festhielt. Diese Melodie, die auf panflötenartigen Instrumenten gespielt wurde, hat ein Musikwissenschaftler für uns aufgearbeitet. Sie ist nicht unbedingt sehr außergewöhnlich oder besonders melodiös, aber sie ist authentisch. Die Besucher können sie auf Knopfdruck anhören. Und auch die Gerüche der Südsee werden wir schon in dieser Vorausstellung erlebbar machen.

Was macht die Sammlung aus Sicht der Stiftung so wertvoll?

Dr. Savelsberg: Für uns ist sie ein ganz großes Glück. Die Sammlung stammt direkt aus den Händen Georg Forsters und sie besteht aus Sammelobjekten, die völlig unkorrumpiert von äußeren Einflüssen sind. Das heißt also, es ist eine sehr ursprüngliche Sammlung von Objekten, die – und das schätzen auch die Bewohner von Tahiti oder Tonga sehr – direkt von ihren Vorfahren geschaffen worden sind, unbeeinflusst von europäischen Kulturen und Materialien. Es gab zum Beispiel kein Metall, keine Drähte oder Nägel.

Frank Vorpahl hat zudem sämtliche Stellen in Forsters Aufzeichnungen gefunden, in denen unsere Objekte beschrieben werden. Außerdem lassen wir die komplette Sammlung auch von einem Ethnologen aufarbeiten. Er überprüft die Objekte auf ihre Bedeutung innerhalb der weltweiten Sammlungen. Ob es sich also im Vergleich zu anderen Sammlungsstücken aus dieser Zeit um besonders einzigartige Gegenstände handelt. Was auch ganz wesentlich ist: Die Sammlung kam nicht durch Kolonialisierung, durch Erpressung oder Raub zusammen, sondern durch Schenkung, durch Tausch und durch gegenseitiges Interesse. Eben auf einer Reise, die eine reine Forschungsreise war. Diese Sammlung ist also in dieser Hinsicht völlig unbedenklich. Das ist richtig schön und darauf können wir uns schon etwas einbilden.

Warum kommt die neue Dauerausstellung gerade jetzt?

Dr. Savelsberg: Das hat vor allem mit Dr. Vorpahl zu tun. Er kam vor anderthalb Jahren auf uns zu und fragte, wo denn die Sammlung sei. Als wir ihm erklärt haben, dass diese schon seit Jahren eingelagert und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sei, meinte er, dass er ähnliches schon in Gotha erlebt habe. Dort liegt ein Bestand der 100 besten Zeichnungen Forsters, die er sich ansehen wollte, die sich aber in einem extrem schlechten Zustand befanden. Frank Vorpahl ist es zu verdanken, dass sie bestens restauriert wurden – auch wenn sie aufgrund ihrer Empfindlichkeit trotzdem nicht für Ausstellungen verliehen werden können und wir nur Faksimiles zeigen. Wir waren dann also die nächste Institution, die er ein bisschen gedrängt hat. Er hat ja auch immer das ZDF als „Druckmittel“. (lacht)

Im Grunde waren aber auch wir mehr als bereit, diese wunderbaren Exponate auszustellen und haben mehr oder weniger nur auf einen Anlass gewartet. Der war nun auch dadurch gegeben, dass Frank Vorpahl uns nach Kräften unterstützt hat. Er ist Kurator der Ausstellung, er ist auch Chefredakteur des Buches, das wir im Spätherbst herausgeben wollen.

Und er hat auch ein großes Stück Südsee mitten in Wörlitz entdeckt. Was hat es damit auf sich?

Dr. Savelsberg: 1779 hat Forster Wörlitz besucht und sich hier zwei Wochen aufgehalten. Wir vermuten, dass er dem Fürsten dabei auch von den polynesischen Kultplätzen, den Marae, erzählt und sie genau beschrieben haben muss. Diese Marae waren aus Lavagestein gebaut, häufig in mehreren Höhenstufen mit bis zu drei Etagen und mit typischen Rückenlehnen für die Priester angelegt.

Vier Monate nach der Abreise Forsters wurde dann bereits das Baumaterial für den sogenannten „Eisenhart“ herangeschafft, bei dem Raseneisenstein die Funktion des vulkanischen Materials übernimmt. Das Verwunderliche ist, dass sogar August Rohde, Privatsekretär des Fürsten und Autor des ersten Reiseführers für die Wörlitzer Anlagen, nicht mehr zu wissen scheint, dass es sich dabei quasi um den Nachbau einer Marae handelt. Die beiden Pavillons, die sich darauf befinden, die Gartenbibliothek und der Südsee-Pavillon, stehen für die Priesterwohnung und ein Kultgebäude auf den Maraes. Somit haben wir also durch Frank Vorpahl ein Gartenbild entschlüsselt, was wir wirklich ganz großartig finden. Und was uns auch zeigt, dass hier noch längst nicht alles erschlossen ist. Wir haben schon vieles erkannt, aber längst noch nicht alles.

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