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Ute Lemper – Artist-in-Residence beim Kurt Weill Fest 2019
Ute Lemper – Artist-in-Residence beim Kurt Weill Fest 2019© Lucas Allen

"Ich trage Weill seit Jahrzehnten in die Welt hinaus"

Veröffentlicht am Dienstag, 26. Februar 2019

In diesen Tagen wird in Dessau-Roßlau und ganz Sachsen-Anhalt das 27. Kurt Weill Fest Dessau gefeiert. Zahlreiche prominente Künstler und Ensembles werden bis zum 17. März in Konzerten, Inszenierungen und weiteren Veranstaltungen rund um den Dessauer Komponisten und das diesjährige Motto „Mut zur Erneuerung“ zu erleben sein. Als Artist-in-Residence konnten die Organisatoren Weltstar Ute Lemper gewinnen. Im LEO-Gespräch spricht sie über ihre besondere Beziehung zu Kurt Weill und Marlene Dietrich, über ihre Verbindung zu Dessau und dem Kurt Weill Fest und über die zwei Leben als Bühnenstar und als mehrfache Mutter.

Wenn man in Ihren Terminplan für das erste Quartal des Jahres blickt, liest man dort New York, Rom, Istanbul, Zürich – und mittendrin das vergleichsweise überschaubare Dessau. Was bedeutet es Ihnen, nach den erfolgreichen Konzerten der vergangenen Jahre diesmal als Artist-in-Residence in die Geburtsstadt Weills zurückzukehren?

Ute Lemper: Das finde ich eine ganz tolle Idee vom Gerd (Anm.: Gerhard Kämpfe, Leiter des Intendanz-Teams). Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich ihn jetzt schon seit vielen Jahren kenne und er mir sehr treu ist bezüglich Konzertbuchungen. (lacht) Ich kenne ihn noch aus ganz alten Tagen, wir haben uns schon in den 80er Jahren in meiner Berliner Zeit kennengelernt. Wir sind also durch die Geschichte eng miteinander verbunden. Und da er nun so sehr mit Dessau verbunden ist, denke ich, dass er oft an mich denkt. Ich bin ja auch sehr kreativ und habe immer wieder neue Projekte anzubieten. Die Auftritte im letzten Jahr und davor waren immer eine ganz tolle Erfahrung und es hat mir auch viel Spaß gemacht, in diesem wunderschönen Theater für die Menschen zu singen. Ich denke, das Marlene-Programm in diesem Jahr passt dort wunderbar hinein. Und dass ich dann noch gefragt wurde, ob ich vorher schon mit dem Orchester auftreten könnte, finde ich auch ganz toll. Ich freue mich auf diese Zeit in Dessau. Ich bin ja auch seit Jahrzehnten jemand, der Kurt Weill in die Welt hinausträgt. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges, als Dessau für uns noch auf der „anderen Seite“ lag, habe ich Weill in Sydney, Los Angeles, Tokio und überall in Europa gesungen. Insofern bin ich auch glücklich und geehrt, an die Wurzel seines Schaffens zurückzukehren und ihn dort zu singen, wo er geboren ist und wo er seine Musik erfunden hat.

Ihr allererstes Album war Kurt Weills Musik gewidmet, die sich seitdem als große Konstante durch Ihre internationale Karriere zieht. Wie entstand diese offenbar sehr tiefe Verbindung zum Komponisten und seinem Werk?

Ute Lemper: Ich war damals noch Gymnasiastin, 16 oder 17 Jahre alt, und bin nach Salzburg, um das Sommersemester am Mozarteum, der Musikhochschule, zu besuchen. Dort habe ich schon als jungen Mensch empfunden, dass Weill – vor allen Dingen natürlich in Verbindung mit Brecht – ein ganz geistreicher, rebellischer, innovativer, intellektueller und wunderbarer Komponist war. Für mich als junger Menschen waren das die einzigen deutschsprachigen Musiker, die mir gefallen haben. Das war damals ja noch eine totale Schlagerzeit und es war furchtbar, was da am deutschen Schlagerhimmel herumbummelte. Da waren Weill und Brecht total herzerfrischend, geistreich und clever. In den 80er Jahren, als ich dann schon Schauspielerin war, habe ich zum ersten Mal einen Weill-Abend selbst geschrieben. Das war 1983/84 am Staatstheater Stuttgart. Der wurde dann, damals noch auf Langspielplatte, ganz schnell an einem Nachmittag aufgenommen, nur mit Klavierbegleitung. Irgendwie hat es die Platte dann nach London geschafft, ich habe bis heute keine Ahnung, wie. Dort hatten Londoner Produzenten gerade damit begonnen, Musik, die von den Nazis denunziert, zensiert und verboten worden ist, wieder neu aufzunehmen. Ein riesengroßes Projekt, mit vielen klassischen Komponisten, aber eben auch Weill, Berliner Kabarettliedern und so weiter. Und da wurde ich dann eben zu einer Protagonistin und habe sechs LPs bzw. CDs aufgenommen. Das war eine wichtige Zeit und ein wichtiges Projekt.

Sie leben seit rund 20 Jahren in New York, wo Weill in den 1940er Jahren Broadway-Geschichte schrieb. Wie werden er und seine Musik heute dort wahrgenommen?

Ute Lemper: Seine Musik ist hier schon ein Stück Kulturgeschichte, aber nicht wirklich kommerziell. Es gibt immer wieder Theater, die seine Musicals spielen oder auch mal wieder die „Dreigroschenoper“ aufführen, vor allem aber seine amerikanischen Stücke wie „Knickerbocker Holiday“, „Street Scene“ oder „Lady in the Dark“. Er ist ja leider auch schon sehr früh verstorben, 1950 mit nur 50 Jahren. Das war auch die Zeit, in der Brecht in Amerika als Kommunist auf der schwarzen Liste stand. Die Amis haben nicht so viel Ahnung von der deutschen Musik, die Weill geschrieben hat und welche Bedeutung sie hatte bzw. hat. Da stand immer die McCarthy-Ära im Wege. Aber es ist ja auch bekannt, dass die amerikanische Kultur sehr auf den Mainstream und kommerziellen Erfolg ausgerichtet ist. In dem Sinne sind die Amis ein wenig einseitig informiert – genauso wie Ostdeutschland zu DDR-Zeiten einseitig informiert war. Da gab es Weill wiederum nur in Verbindung mit Brecht, was danach kam wurde aus der Kulturgeschichte gestrichen.

Eines Ihrer Konzerte im Rahmen des Kurt Weill Festes ist als „Rendezvous mit Marlene“ der legendären Marlene Dietrich gewidmet, die als Jugendliche ja auch einige Zeit in Dessau lebte und wie Weill Nazi-Deutschland in Richtung Amerika verließ. Was verbindet die beiden Künstler neben diesen Parallelen – und was ist Ihre besondere Beziehung zu der Ausnahmekünstlerin, mit der Sie oft verglichen wurden?

Ute Lemper: Marlene ist schon vor 1933 ausgewandert, direkt nach dem „Blauen Engel“, weil in Amerika eine Karriere rief. Sie hat ja mit Josef von Sternberg zusammengearbeitet (Anm.: Regisseur von „Der Blaue Engel“ und sechs weiteren Dietrich-Filmen) und die Paramount Studios wollten sie engagieren. Als die Nazis dann an die Macht kamen, hat sie sich dafür entschieden, nicht zurückzugehen. Obwohl der „Blaue Engel“ ein Erfolg war und die Deutschen sie zurück wollten. Sie wurde dann ja auch amerikanische Staatsbürgerin und hat für die amerikanischen Soldaten während des 2. Weltkrieges gesungen. Weill ist natürlich ausgewandert, weil er Jude war und hat auch noch viele andere Künstler mitgenommen. Das Schicksal, dass ich auswandern musste, teile ich Gott sei Dank nicht. Bei mir war es eher so wie bei Marlene, auch wenn ich nicht ausgewandert bin und nach wie vor meinen deutschen Pass habe. Aber die Welt und die internationale Karriere haben schon sehr früh gerufen. Ich bin dann einfach dorthin, wo ich wunderbare Arbeit und wunderbare Projekte finden konnte. Und das waren dann eben eher Projekte, die international waren. Das heißt Paris, London, Tourneen in ganz Europa. Dann hat der Broadway gerufen und wir sind hier steckengeblieben. Mein erster Mann war ja auch schon Amerikaner und als New Yorker sehr glücklich, wieder zu Hause zu sein. Wir hatten hier sofort eine tolle Zeit, die Kinder waren happy in der Schule. Es war eine große Weltstadt, die eine Geistesfreiheit ermöglichte jenseits der provinziellen und eher nationalen Identitäten in Deutschland. Das fanden wir eigentlich wunderbar. Die ersten beiden Kinder wurden ja auch schon in Paris geboren, ich habe also auch da schon nicht mehr in Deutschland gelebt. Es war also vor allem eine persönliche Entscheidung und natürlich beruflich bedingt.

Sie verbindet aber ja auch etwas ganz Besonderes mit Marlene Dietrich. Was ist Ihre persönliche Beziehung?

Ute Lemper: Im Rückblick auf die Jahrzehnte kann ich sagen, dass auch ich ein Mosaik an sehr vielen Kulturen in mir trage, wie es auch Marlene getan hat. Die 20 Jahre hier, die Zeit in Paris, London und der ganzen Welt. Ich bin also wirklich ein Weltenbürger wie Marlene es war. Damals war der Kontaktpunkt natürlich, als ich 1987/88 in Paris Theater gespielt und Karriere gemacht habe. Ich habe einen Theaterpreis bekommen, die Zeitungen schrieben über mich als „die neue Marlene Dietrich“. Sie lebte damals auch in Paris und ich wusste, dass sie von mir gehört hatte. Ich schrieb ihr einen Brief, um Kontakt zu schaffen. Daraufhin rief sie mich an und wir haben drei Stunden lang miteinander telefoniert. Das habe ich lange als Geheimnis in mir getragen, war völlig überwältigt davon, dass diese große Legende mich angerufen hat und damals auch noch sehr eingeschüchtert. Jetzt, viele Jahrzehnte später, denke ich, dass es noch mehr Parallelen zwischen ihr und mir gibt und dass ich ihr Leben auch immer mehr und besser begreifen kann. In seiner großen Dimension, in seinen vielen Kapiteln und auch in ihrer Bedeutung als frei denkende Frau. Sie war politisch couragiert, unglaublich emanzipiert und progressiv in einer Zeit, in der Frauen den Männern gegenüber noch sehr unterprivilegiert waren. Mittlerweile verstehe ich diese Frau besonders gut und denke, es ist für mich an der Zeit, ihr eine Show zu widmen. Und vor allen Dingen natürlich auch diese wunderbaren Lieder zu singen, die sie aus den verschiedenen Kulturen repräsentiert hat. Sie hat ja ein großes internationales Repertoire gehabt, das ich im Konzertabend auch vorstellen werde. Aber in meiner eigenen Art, also ich singe nicht mit ihrer Stimme. Ich mache auf jeden Fall Referenzen an sie, aber es wäre mir auf Dauer etwas zu langweilig, nur als Marlene zu singen. Ich bringe da auch ordentlich etwas von mir mit hinein. Aber ich bin eben auch die Marlene, die ihre Geschichte erzählt. Also sozusagen eine gespaltene Persönlichkeit. (lacht) Marlene und Ute sind den Abend hindurch ständig im Dialog.

Wie reagiert man denn, wenn das Telefon klingelt und „Die Dietrich“ meldet sich?

Ute Lemper: Ich wusste ja vom Rezeptionisten des Hotels, dass sie angerufen hatte. Er meinte, ich solle auf mein Zimmer gehen, sie würde sich noch einmal melden. Ich hatte dann auch ihre Nummer und hätte sie zurückrufen können, aber ich war zu schüchtern. Dann rief sie an. Ich weiß noch genau, wie ich am Schreibtisch in meinem kleinen Hotelzimmer saß. Ich bin teilweise auch hin- und hergelaufen wie ein Tiger, weil ich es kaum glauben konnte. Ich war also sehr nervös. Sie hat mir aber diese Nervosität genommen, weil sie einfach nur reden wollte. Sie wollte reden und sie wollte erzählen. Das Telefon war ja ihr Kontakt zur Außenwelt, weil sie ansonsten zurückgezogen in ihrer Wohnung gelebt hat. Sie wollte auch nicht, dass ich ihr viele Fragen stelle, sondern sie wollte erzählen. Sie hat von ihren Gefühlen erzählt, von ihren Erinnerungen, von all dem, das ihr am Herzen lag.

Sie sind vierfache Mutter, Kosmopolitin und auf Bühnen in aller Welt zu Hause. Selbst die Lücke zwischen Ihren Dessauer Konzerten nutzen Sie für vier weitere Auftritte. Woher nehmen Sie die ganze Energie?

Ute Lemper: Ja, das frage ich mich auch öfter ganz leise. Und manchmal denke ich mir „Oh Gott, was habe ich mir da wieder angetan?“ (lacht) Das Wichtigste ist für mich, dass ich immer wieder zwischen diesen Tourneen nach Hause kann, die Kinder sehe und hier ein sehr normales, bodenständiges Leben führe. Dass ich mich um die Kinder kümmere, mit den zwei Kleinen Schulaufgaben mache, mit ihnen Bücher lese, auf den Spielplatz gehe, sie in die Badewanne stecke, ihnen abends im Bett Geschichten vorlese. Dass ich eben einfach eine enge Beziehung mit meinen Kindern habe. Das ist mein Fundament, war es immer schon. Daraus folgt natürlich auch viel Herzschmerz, wenn ich dann wieder auf Tour bin. Ich vermisse sie sehr, bin aber dann hier und da auch ganz glücklich, mal meine eigenen Sachen zu machen. Mal meine Bücher zu lesen, meine Filme zu gucken und vor allen Dingen natürlich mein Theater zu spielen, meine Musik zu machen. Meine zweite Familie ist die Familie mit den Musikern. Das sind Menschen, mit denen ich teilweise schon sehr lange zusammenarbeite. Ich kenne ihre Familien und ihr Leben sehr gut und bin auch sehr glücklich, da mit meinen Freunden auf Tour zu gehen und unsere Kunst aufleben zu lassen. Das sind wirklich zwei Leben, die ich lebe. Und zwar volle Kanne. Beide. Das ist nicht immer einfach, manchmal geht mir schon die Puste aus.

Hatten Sie bei so vollem Kalender bisher überhaupt schon einmal die Gelegenheit, Dessau-Roßlau und die Region über Ihre Auftrittsstätten hinaus kennenzulernen?

Ute Lemper: Ich bin ja schon sehr oft in der Region gewesen, zum ersten Mal in den frühen 90er Jahren. Ich war nach dem Fall der Mauer die erste westdeutsche Künstlerin, die zum Beispiel im Berliner Ensembletheater aufgetreten ist. Da stand die Mauer noch und war nur oben abgebrochen. Mein amerikanischer Pianist musste noch zurück über den „Checkpoint Charlie“. Das war im Januar 1990, also kaum zwei Monate nach Maueröffnung.

Ich habe direkt 1990 auch die erste Tour durch Ostdeutschland gemacht, noch vor der Wiedervereinigung, und hab in den damals recht seltsamen Hotels geschlafen, in Leipzig, Dresden, Dessau und so weiter. Ich kenne Ostdeutschland also wirklich gut und habe auch die wahnsinnige Veränderung in den 90er Jahren miterlebt. Ich bin immer wieder dort gewesen, da hat sich schon eine besondere Beziehung aufgebaut. Die Infrastruktur existierte damals ja kaum, aber das Verhältnis zu den Menschen war sehr innig, muss ich sagen. Gerade in Ostdeutschland gab es eine unglaubliche Neugier und auch eine Herzenswärme, die ich wirklich bezeugen kann. In Dessau war ich nur sporadisch, aber ich habe viele Konzerte mit Ostberliner Künstlern gemacht. Und das war schon eine innige Beziehung.

Darf das Festival-Publikum auf ein Wiedersehen mit Ihnen bei einem der zukünftigen Kurt Weill Feste hoffen?

Ute Lemper: Das glaube ich schon. Das liegt natürlich auch daran, ob ich gebucht werde. Dann glaube ich, dass ich da alle Jahre wieder mal vorbeischaue und mich auch freue. Gerne auch mit neuen Projekten. Mein neues Programm „Songs for Eternity“, also „Lieder für die Ewigkeit“, wäre auch etwas tolles für Dessau gewesen. Das sind Lieder, die in den jüdischen Ghettos und Konzentrationslagern entstanden, in Jiddisch. Ich glaube, dazu werde ich Gerd gleich mal noch eine Email schicken. Das muss ich ihm nochmal ans Herz legen. Das wäre schon ein wichtiges Projekt, auch für Dessau und auch im Rahmen des Kurt Weill Festes.

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