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September 2019
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LEO Tagestipp
Johannes Weigand auf der Raumbühne
Johannes Weigand auf der Raumbühne© Hartmut Bösener

„Es ist wirklich gut hier“

Veröffentlicht am Donnerstag, 29. August 2019

Neun Premieren im Großen Haus, drei im Alten Theater, vier auf der Puppenbühne und drei weitere an anderen Spielorten. Dazu 23 Wiederaufnahmen, acht Sinfoniekonzerte, sechs Kammerkonzerte und noch einiges mehr. Die 225. Spielzeit des Anhaltischen Theaters Dessau verspricht ein gleichermaßen volles wie unterhaltsames und anspruchsvolles Programm. Mit dem neuen Theatervertrag ist zudem die Finanzierung – und damit der Erhalt aller Sparten der größten Bühne Sachsen-Anhalts – bis 2023 gesichert. Eröffnet wird die Spielzeit am 7. September mit dem traditionellen Eröffnungskonzert auf dem Theatervorplatz. Keine Woche später wird im Großen Haus dann auch schon eine außergewöhnliche Uraufführung zu erleben sein. Reichlich Themen also, über die LEO mit Generalintendant Johannes Weigand ins Gespräch kam.

Seit 2015 sind Sie in Dessau, nun gehen Sie in die nächsten vier Jahre. Auch Verwaltungsdirektor Lutz Wengler bleibt dem Anhaltischen Theater bis mindestens 2023 erhalten. Welche Ziele bzw. Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre Arbeit gesetzt?
Johannes Weigand: Das Entscheidende ist, dass wir zum ersten Mal für vier Jahre Planungssicherheit haben. Das ist eine gute Basis, denn unser Theater braucht natürlich auch langfristige Entwicklung. Wir können jetzt zum Beispiel in der Maske und der Technik wieder ausbilden. Das ist total wichtig, denn wir bauen zwar kein Personal mehr ab, aber es gehen Leute zum Beispiel in Rente, da muss etwas nachkommen. Das ist eine Aufgabe, die man nicht schnell löst, denn so eine Ausbildung dauert nun einmal ein paar Jahre. Dasselbe gilt im Grunde auch für die Entwicklung der Ensembles und der Künstler. Auch da ist es gut, wenn man eine Perspektive hat, die weiter reicht als zwei Jahre.

Wurde bei den Verhandlungen alles erreicht, was erreichbar war?
Johannes Weigand: Es ist mehr erreicht, als erreichbar schien. Das Theater, so wie es jetzt hier ist, ist bestätigt. Das Kürzen von Personal, nach dem alten Plan hätten wir noch rund ein Dutzend Stellen abbauen müssen, ist auch gestoppt. Das ist schon besser, als es ein Realist vor zwei Jahren eingeschätzt hätte.

Ist die Beziehung zwischen Publikum und Theater hier anders als an Ihren bisherigen Wirkungsstätten?
Johannes Weigand: Die Region und das Publikum sind wirklich ein Phänomen. Unsere jährliche Besucherzahl ist ja die doppelte Einwohnerzahl der Stadt. Das ist sehr außergewöhnlich. Der Besuch durch Schulen und auch Kitas ist ebenfalls außergewöhnlich hoch. Das Theater genießt hier in der Stadt eine sehr hohe Anerkennung, auch von Leuten, die nicht immer hingehen. Das ist eine tolle Voraussetzung für die Arbeit, weil man im Bewusstsein der Menschen stattfindet.
Natürlich gab und gibt es auch ganz viele spannende Dinge, die sich ergeben. Das ist mit so einem Riesenhaus, das man ja auch füllen muss, nicht selbstverständlich. Aber die Anlässe, Anknüpfungen und Besonderheiten aus dem Heute und aus der Geschichte sind groß genug, dass da immer auch etwas spezielles entsteht. Deshalb bin ich gerne hier. Und ich bin auch wirklich gerne in der Stadt. Ich empfinde die Leute hier als sehr freundlich, sehr persönlich und sehr direkt. Es ist wirklich gut hier.

Dem oft zu findenden Selbstbild der Dessau-Roßlauer, dass man lieber erst einmal meckert, stimmen Sie also nicht zu?
Johannes Weigand: Nein, und nicht nur ich nicht. Ich habe ja auch Besucher hier, die die Stadt noch nicht kannten. Die Selbsteinschätzung ist allgemein immer ein bisschen niedriger als die durch Leute von außen.
Ich hatte zum Beispiel meinen Rotary Club aus Wuppertal mit 40 Leuten da. Sie haben sich hier drei Tage lang durchgehend beschäftigt, haben sich sehr wohlgefühlt und sich auf keinen Fall gelangweilt. Die Stadt ist nicht wahnsinnig urban, im Sinne, dass sie ein florierendes Zentrum hätte, das ist klar. Aber sie hat ganz viel besonderes und sie präsentiert sich ganz gut, finde ich.

Die Uraufführung von „Violett“ am 13. September verspricht, alles andere als ein durchschnittlicher Beitrag zum Bauhausjahr zu werden. Was hat es damit auf sich – und welche Herausforderungen bringt die eigens errichtete Raumbühne mit sich?
Johannes Weigand: So etwas im laufenden Betrieb zu installieren ist ein wahnsinniger Aufwand und eine ziemlich teure Angelegenheit, weil diese Raumbühne ja auch mobil und veränderbar, auf- und abbaubar ist. Da haben wir durch das Bauhausjubiläum auch ein Riesenglück, denn Stadt und Land haben sie uns finanziert. Es gab aber ein recht kurzes Zeitfenster, denn die Förderbescheide kamen relativ spät. Dass sie jetzt steht, ist eigentlich ein ... nein, es ist überhaupt kein Wunder, denn die Menschen, die das hier im Hause bauen und einrichten arbeiten unermüdlich. Es ist eine tolle Leistung, mit deren Ergebnis ich gerade total happy bin.
Die Produktion ist ein Theatertext von Kandinsky, den er 1913 begonnen und auch hier in Dessau noch daran gearbeitet hat. Das ist ein ganz verrückter Entwurf für eine Art Welttheater, das ganz vieles kombiniert. Also Dialoge, die an absurdes Theater erinnern, verschiedene Geräuschanforderungen, eine eigene Ebene der Flächen, Formen und Farben, die sich bewegen, mit Szenen, in denen man einen Chor braucht. Aber im Grunde ist es nur ein Text, ein Szenario mit Dialogen. Und jetzt versucht ein halbes Dutzend toller Künstler, das so zum ersten Mal in einem Theater umzusetzen. Übrigens dank der großzügigen Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Stadtsparkasse Dessau auch mit einer neukomponierten Musik, die damals auch noch nicht geschrieben wurde. Das besondere ist eben, dass wir das in dieser Raumbühne machen können. So, dass das Stück nicht nur vor sondern auch um den Zuschauer stattfinden kann.

Die Raumbühne ist perspektivisch aber nicht nur für „Violett“ gedacht?
Johannes Weigand: Nein, grundsätzlich nicht. Dafür ist sie auch viel zu schön und viel zu teuer. Außerdem ist das ein Raum mit 240 Plätzen – und damit genau das Format, das es in diesem Theater bisher gar nicht gibt. Wir haben nur ein kleines Studio und eine Riesenbühne. Jetzt haben wir im Prinzip ein Format dazwischen, das für so außergewöhnliche Sachen gut ist. Wenn man mal ein bisschen anderes Theater oder Experimente machen will, ist es schwierig, das ausschließlich in so einem „Guckkasten“ von 1938 zu machen. Also werden wir jetzt mal erproben, wie das hier in dieser Raumbühne geht. Und erst dann können wir sagen, was wir damit noch machen können.

Den Dauerbrenner jeder Spielzeit, das Weihnachtsmärchen, inszenieren Sie in dieser Spielzeit selbst. Was erwartet die Besucher bei der „Schneekönigin“ ab 17. November?
Johannes Weigand: Das ist die wunderbare Reise eines Mädchens, das seinen Freund aus der Polarnacht zurückholen muss, aus den Fängen der Schneekönigin. Das geht nur mit Gefühlen, interessanterweise. Es ist eigentlich eine Reise, in der sie erwachsen wird. Ich bin sehr gespannt. Unser Märchen ist ja ab der 1. Klasse und wir versuchen da immer ein bisschen eine Quadratur des Kreises, denn es muss von 6 bis 80 annehmbar und verstehbar sein. Groß angelegtes Familientheater also. Aber dazu taugt dieser Stoff mit seinen tollen Figuren natürlich auch. Das Bühnenbild ist schon fast fertig.

Auf welche Produktionen der neuen Spielzeit sind Sie selbst besonders gespannt? Johannes Weigand: Wir hatten Ende der letzten Spielzeit „Katja und der Teufel“ von Antonín Dvorák, das auch in den kommenden Monaten als Wiederaufnahme zu erleben ist. Wir fanden die Produktion und auch das Werk so interessant, dass wir beschlossen haben, noch ein bisschen intensiver auf Vorlagen aus Tschechien zu schauen.
Ende Januar hat daher die Oper „Die Sache Makropulus“ Premiere. Das ist ein wunderbares Stück von Leoš Janácek über die Frage der Unsterblichkeit. Eigentlich ursprünglich als Komödie geschrieben, dann ein bisschen kriminalistisch anmutend, am Schluss aber wahnsinnig befreiend und toll. Ich hoffe sehr, dass es von den Zuschauern angenommen wird. Es ist wahnsinnig spannend und unglaublich schön. In der Hauptrolle der gefeierten Opernsängerin Emilia Marty ist Iordanka Derilova zu erleben. Und das ist wirklich eine Leibrolle für sie: Eine Frau, die einfach nicht altert. Das wird schon etwas sehr besonderes.
Ich freue mich auch sehr auf „Cabaret“. Regie führt Malte Kreutzfeldt, der hier vor einigen Jahren schon einen tollen „Sommernachtstraum“ inszeniert hat. Ich verrate dazu noch nichts, aber es wird auf jeden Fall ein sehr spezielles Setting. Sehr spektakulär und der Versuch, dem Musical eine Form zu geben, die ein bisschen über die Konventionen hinausgeht. Ich glaube, das wird sehr spannend.

Im Juni haben Sie Open-Air-Premiere vor dem Mausoleum im Tierpark gefeiert. Nächstes Jahr kehren Sie dorthin zurück. Was ist das Besondere an diesem Spielort?
Johannes Weigand: Das beantwortet sich, wenn man einmal da war. Es war wirklich traumhaft. Es war extrem heiß und eine wahnsinnige Anstrengung. Die Generalprobe war an einem 38-Grad- Tag, und alle sind fast weggeschmolzen, zumal wir beim Soundcheck noch die volle Sonne hatten. Es ergab sich am Abend aber sofort und sehr natürlich eine Atmosphäre, wie man sie sonst nur von großen Klassik-Open-Airs in England kennt. Es war toll, entspannt und schön. Das Mausoleum ist eine großartige Kulisse, es ist ein schöner freier Platz. Die Leute haben es wahnsinnig genossen. Es gab schließlich nur noch Steh- bzw. Picknickplätze, wo man sich auf den Rasen setzen konnte. Der wurde mit jedem Konzert voller und voller.
Wir machen diese Spielzeit dort ein Galakonzert. Und ich habe das dumpfe Gefühl, dass das ganz gut funktionieren kann und auch weiter funktionieren wird. Und es ist auch eine schöne Eröffnung für den Sommer, mit der wir uns in die Pause verabschieden.

Also hat es das Potenzial, in Serie zu gehen?
Johannes Weigand: Total, natürlich. Man muss nur gucken, was man macht. Man kann ja nicht immer nur „Nabucco“ machen, auch wenn das Stück dafür ideal ist. Aber wir haben da schon ein paar Ideen.

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