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Schloss Wörlitz, Bibliothek
Schloss Wörlitz, Bibliothek© Peter Dafinger

Rückkehr der "Ikone des Klassizismus"

Veröffentlicht am Montag, 06. Juli 2020

Sein Bauherr nannte es, mit einer kräftigen Prise Understatement, einfach das „neue Haus“. Doch schon für seine Zeitgenossen war das Landhaus im englischen Stil, dass Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ab 1769 errichten ließ, sehr viel mehr als das. Das heute als Schloss Wörlitz berühmte Gebäude brachte einen neuen Stil der Kunst und Architektur nach Deutschland und Kontinentaleuropa, der sich wie ein Lauffeuer verbreiten sollte. Und es ist gebauter Ausdruck des neuen Geistes der Aufklärung, der im kleinen Fürstentum Anhalt bereits sehr früh gelebt wurde. Seit wenigen Wochen sind die Restaurierungsarbeiten am Schloss Wörlitz nach rund 20 Jahren abgeschlossen. Fast 250 Jahre nach seiner Fertigstellung ist es wieder so schön wie damals – auch wenn Interpretationen und Kompromisse aufgrund der über die Jahrhunderte verloren gegangenen Bauunterlagen unvermeidbar waren.

Die Mangelwirtschaft der DDR machte auch vor den Wörlitzer Anlagen nicht Halt. Instandsetzungen oder gar Restaurierungen historischer Gebäude waren nur selten möglich und selbst dann auf das Mindeste beschränkt. Als im Jahr 2000 endlich mit den Arbeiten am Schloss Wörlitz begonnen werden konnte, wurden die Folgen dieser Vernachlässigung schnell überdeutlich: Der Echte Hausschwamm und diverse Schädlinge hatten die Balken, die Decke und die Zwischendecken des Schlosses befallen und gravierende Schäden verursacht. Unter Anwendung traditioneller Zimmermannstechniken wurde gerettet, was zu retten war, und ersetzt, was ersetzt werden musste. Das schiefergedeckte Dach wurde instandgesetzt, das Glasdach des Lichthofes leicht angehoben, um eine natürliche Entlüftung zu ermöglichen – denn auch die Luftfeuchtigkeit, die sich bis dahin im Dachraum gesammelt hatte, trug wesentlich zu den großen Schäden bei. Bis 2012 zog sich die bauliche Instandsetzung des Schlosses, bei der alle Räume auf beiden Etagen saniert und in ihren bauzeitlichen Grundrissen wiederhergestellt, alle Außenwände trockengelegt und entsalzt, Fußböden und Fachwerkskonstruktionen repariert sowie zahlreiche weitere Arbeiten durchgeführt wurden. Parallel wurden zahlreiche Erkenntnisse gesammelt, die in die folgenden Restaurierungsschritte einflossen.

Von 2010 bis 2012 lag der Fokus auf der äußeren Hülle des Schlosses, also auf der Fassade mit ihren Sandsteinelementen, auf den Fenstern, Portalen und Türen. Zeitgleich wurden aber auch die Raumfassungen des Belvederes und der Mezzaninebene sowie die Neapel-Räume im Obergeschoss restauriert. Der vorletzte Bauabschnitt von 2012 bis 2017 war anschliessend den weiteren Räumen des Obergeschosses, den chinesischen Zimmern und dem unterirdischen Gang gewidmet. Ursprünglich für die engere Hofgesellschaft angelegt, besteht das Obergeschoss aus sechs Suiten mit jeweils einem Wohn- und einem Schlafzimmer. Hier galt es insbesondere, den Urzustand der Räume möglichst authentisch wiederherzustellen. Vor allem Ende des 19. Jahrhunderts fanden zahlreiche Übermalungen statt, aber auch zu DDR-Zeiten wurden einzelne Räume neu gestaltet. Neben der zarten Farbigkeit des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff wurden auch das Mobiliar sowie Grafiken, Skulpturen, Uhren und sogar Nachtgeschirre restauriert bzw. konserviert.

Auch der große Saal im Erdgeschoss wurde 2017 fertiggestellt, nachdem hier neben der Restaurierung und Reinigung des Stuckmarmors der Wände auch elf große Leinwandgemälde, die Kamine, das vergoldete Mobiliar sowie die 56 Messingleuchter wiederhergestellt worden waren. Auf dem Erdgeschoss, der auch zu Lebzeiten von Fürst Franz vorrangig genutzten Hauptetage, lag schließlich das Hauptaugenmerk des letzten Bauabschnitts von 2017 bis 2020. Farblich sind die Veränderungen hier deutlich unauffälliger als im Stockwerk darüber, aber auch hier blieb kaum ein Quadratzentimeter unberührt und unrestauriert. Überraschungen gab es dabei dennoch so manche, beispielsweise im Kabinett der Fürstin, wie Robert Hartmann im LEO-Gespräch verrät. Der Diplom-Restaurator ist seit 1997 bei der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz tätig und seit zehn Jahren Referatsleiter für Bauforschung und Baudenkmalpflege.

Herr Hartmann, 20 Jahre lang wurde das Schloss Wörlitz restauriert. Kann man da schon von einem Lebenswerk sprechen – auch wenn es natürlich nicht die einzige Aufgabe in diesen zwei Jahrzehnten war?

Robert Hartmann: Das Ganze ist schon ein Meilenstein. An dem ich aber natürlich nicht allein beteiligt war, sondern ein ganzes Team. Insbesondere für meine Kollegin Annette Scholtka, die Leiterin unserer Abteilung Baudenkmalpflege, war es sicherlich eine Art Lebensaufgabe, weil sie schon seit ihrer Jugend eng mit Wörlitz und dem Schloss verbunden ist und sich unwahrscheinlich engagiert hat. Ich selbst habe eher immer begleitend gewirkt, wenn es beispielsweise bei der Holzrestaurierung oder in anderen Bereichen um gewisse Fachfragen ging, aber Frau Scholtka war da federführend.

Was macht das Schloss Wörlitz eigentlich so bedeutend?

Robert Hartmann: Das Schloss Wörlitz ist explizit dafür hervorzuheben, dass es das erste klassizistische Bauwerk auf dem europäischen Festland ist. Man sagt auch so schön, es sei die „Ikone des Klassizismus“. Von hier aus ging diese Idee, diese Formsprache, diese neue Ausdrucksform der Architektur und Ästhetik in den Ländern des Kontinentes umher. England war da schon Vorreiter und hatte gewisse Entwicklungen in der Richtung vorangetrieben.

Aber für Preußen, für Sachsen, für viele andere europäische Länder, die alle noch im tiefsten Barock steckten oder im Rokoko aufblühten, kam da plötzlich jemand daher und baute da etwas, für das man teilweise auch zum Gaffen anreiste und sich vereinzelt auch den Mund darüber zerfetzte, wie sich da ein kleiner Fürst in Anhalt so ein hochmodernes Haus baute. Das ist ja vergleichbar mit heute: Wenn jemand etwas verrücktes, neues baut, wird auch erst einmal geschaut und skeptisch geguckt.

War diese Beobachtung also eher von Neid geprägt oder von Staunen und Bewunderung?

Robert Hartmann: Das ist schwer zu sagen. Da müsste man wahrscheinlich Historiker forschen lassen, inwiefern man es als Neid betrachten kann. Häufig wird über das Neue ja eher die Nase gerümpft oder man belächelt es. Neid kommt meist erst eine Generation später auf, mit der Anerkennung und der Erkenntnis, dass das damals schon etwas ziemlich gewagtes war, das funktioniert hat.

Das Neue Palais in Potsdam ist ja relativ zeitgleich entstanden, aber eben noch in einer völlig anderen Formsprache. Und natürlich waren die großen Herrscherhäuser auch die Beherrscher der Ästhetik und ihre Bauweise galt als modern. Aber dann kam jemand und zeigte eine ganz andere Richtung auf. Man kann es durchaus mit dem Bauhaus vergleichen, das Gründerzeit und Jugendstil plötzlich eine ganz schlichte, gerade Formsprache entgegensetzte. Da war es ja anfangs auch eher eine kleine Gemeinde, die diese neue Ausdrucksform mit Begeisterung annahm, und nicht unbedingt die Allgemeinheit.

Der Bau des Schlosses dauerte vier Jahre, seine Restaurierung fünf Mal so lange. Was hat die Arbeiten so zeit- und arbeitsintensiv gemacht?

Robert Hartmann: Restaurierung kennzeichnet ja, dass es eben kein Neubau ist. Einerseits hatte es natürlich den einfachen Grund, dass das Haus immer in Funktion gehalten wurde. Es war also eine Sanierung bzw. Restaurierung im laufenden Betrieb. Das geht natürlich nicht so schnell vonstatten, wie es bei einer Komplettschließung möglich wäre. Dann war es auch eine finanzielle Geschichte. Das heißt, es standen immer nur bestimmte Finanzposten zur Verfügung, die zweckgebunden abgearbeitet werden mussten bzw. konnten.

Aber das sind eigentlich nur Zusatzfaktoren, denn eine Restaurierung ist vom Grundsatz her eben schon langwierig. Man will ja so viel Originalsubstanz wie möglich erhalten. Als erstes musste die bauliche Grundsubstanz instand gesetzt werden, vom Fundament bis zu den Deckenbalken. Erst, als die Gebäudehülle und ihre Konstruktionselemente ertüchtigt waren, gab es die Möglichkeit, auch das Gebäudeinnere zu bearbeiten. Es hat ungefähr die letzten sechs Jahre in Anspruch genommen, das Erdgeschoss und das Obergeschoss in einer sehr umfangreichen Restaurierung mit vielen Einzelelementen, Wandflächen, Interieur und ähnlichem fertigzustellen.

Ich mache da auch keinen Unterschied, was die Relevanz der einzelnen Schritte betrifft. In meiner Perspektive bildet alles eine Einheit, der Deckenbalken ist ebenso bedeutend wie das schöne Möbelstück. Schloss Wörlitz – und eigentlich auch all unsere Häuser – sind als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Es geht nicht darum, an irgendeiner Stelle des Gebäudes eine Art Neubau zu schaffen und dann einfach das, was vom alten Interieur noch erhalten ist, wieder hineinzustellen, sondern das Ziel ist es, die Gesamtheit zu erhalten. Und das macht es ja auch so erlebnisvoll, durch die Räume zu schreiten und zu wissen, dass der Fußboden noch seine Originalität hat und bei den Deckenbalken zwar die Köpfe erneuert werden mussten, sie aber noch zu 80 Prozent die alten sind.

Ist das Schloss Wörlitz jetzt so wiederhergestellt, wie es zur Eröffnung 1773 aussah?

Robert Hartmann: Es war ein Ziel, in diese Richtung zu arbeiten. Aber nicht alles war möglich. Es ist zum Beispiel so, dass Textilien einem bestimmten Verschleiß unterliegen. Die, die wir vorgefunden haben, also beispielsweise die grünen Wandbespannungen, sind 130 Jahre alt und wurden um 1890 dort eingebracht. Es haben sich Fragmente erhalten, aber nicht ausreichend, um daraus definieren zu können, welche Tapete in der Ursprungszeit in jedem Raum war. Das ging leider nicht. Wir wissen, dass es grüne Seidendamast-Tapeten gab, die sind beschrieben – aber eben nur von ihrer Farbe her. In einem einzigen Raum wird auch noch die Formsprache erwähnt, was das Dekor betrifft. Es lässt sich also nicht alles herausarbeiten, darum mussten wir auf Befunde zurückgreifen. Und wenn diese nicht bauzeitlich sind, müssen wir als Grundlage die ältesten nehmen, die sich zurückverfolgen lassen.

Bei den Wandfarben war es anders. Wenn die Wandflächen noch ihren originalen Putz tragen, kann man sich da sehr gut „zurückarbeiten“, auch in die Anfangsphase. Darum ist insbesondere das Obergeschoss jetzt wieder in diesen pastellartigen, lichten Farben gestaltet, die zwischenzeitlich verloren gegangen waren. Im 19. Jahrhundert gab es hier Übermalungen in dunkleren Tönen, die nun rückgängig gemacht werden konnten. Auch im Kabinett der Fürstin im Erdgeschoss, das einen Grünanstrich hatte, haben wir herausgefunden, dass die ursprüngliche Wandfarbe ein helles Blau war. Und das passt auch hervorragend zu den dort aufgestellten Möbeln und den Textilfragmenten der Sitzpolster, die wir untersuchen konnten. Dieses Farbspiel der ehemals silbergrauen Möbel und des Blaus der Wände und der Decke, dazu die weißen Stuckarbeiten und Reliefs, das schafft eine ganz andere und viel schönere Atmosphäre. Und das lässt sich eben auch eindeutig belegen, weil es klare Befundlagen gibt.

Allerdings muss ich dazu auch sagen, dass man bei den Möbeln zwar weiß, dass sie silbergrau waren – aber dort lässt sich das nicht mehr zurückführen. Denn wenn die Holzfärbung einmal umgeschlagen ist, dann ist sie auch unwiederbringlich weg. Wenn man die originale Holzoberfläche erhalten will, muss man dort also diese farblichen Veränderungsprozess akzeptieren. Es war ja kein Farbauftrag, sondern ein durchgefärbtes Holzfurnier.

Gab es die Idee, ein Beispielobjekt neben den Originalen zu installieren, um zeigen zu können, wie der Ursprungszustand war?

*Robert Hartmann:" Nein, wir sind ja ganz bewusst nicht in einem kunsthistorischen Museum, wo man so etwas machen würde. Wenn man dort Möbel ausstellt und zeigen will, dass es sich um Roentgen-Möbel mit einer Marketerie, also Einlegearbeiten, handelt, hängt man eine Arbeitsprobe daneben, um zu zeigen, wie sie früher aussahen. Wir sind hier aber in einer anderen Situation. Wir haben Räume im Originalzustand, die auch so erlebbar sein sollen, trotz fortgeschrittener Alterung einzelner Elemente. Es liegt also eher am Museumsführer oder auch am Vorstellungsvermögen jedes einzelnen Besuchers, wenn er auf diesen Umstand hingewiesen wird. Auch das Bett des Fürsten ist ein ähnliches Beispiel.

Auf der fensterabgewandten Seite hat es noch die ursprünglich-typische dunkelrote Mahagonifarbe, auf der Fensterseite aber hat sich daraus ein Holzbild geformt, das eher an Ahorn oder Birke erinnert, weil der Rotton durch die Sonneneinstrahlung verloren gegangen ist. Auch das kann man nicht wieder zurückholen. Da muss der Besucher also quasi in seinem Kopf arbeiten und sich das komplette Bett in diesem Dunkelrot vorstellen.

Auf welche Quellen konnten Sie sich für die Restaurierung stützen?

Robert Hartmann: Es gibt zum Beispiel ein Buch des Hofrats August Rhode, der 1788 das Haus durchschritt und sehr akribisch die Räumlichkeiten erwähnt, als erstmalige Bestandserfassung des Schlosses. Von dieser Beschreibung gab es zwei erweiterte Neuauflagen. Wenn man diese liest und sich gedanklich damit auseinandersetzt, bekommt man also bestimmte Raumeindrücke. Es gibt hier und da auch Briefe, die sich erhalten haben und bei denen es um Fragen der Bestellung oder Beauftragung für das Schloss geht. Aber es gibt leider keine Bauakten mehr, die darüber berichten, die sind alle im 2. Weltkrieg verloren gegangen. Wir können uns also nur darauf beziehen, was unsere Vorgänger herausgefunden und festgehalten haben. Eine gute Quellenlage bietet auch ein Buch des Fotografen Adolph Hartmann, das noch vor dem 1. Weltkrieg erschienen ist.

Was waren für Sie die spannendsten, aufregendsten oder auch überraschendsten Momente der Restaurierungsarbeiten?

Robert Hartmann: Ganz spannend fand ich die Arbeiten in den chinesischen Räumen, gerade auch im Vergleich zu den teilweise zeitgleich stattfindenden Bearbeitungen im Chinesischen Haus in Oranienbaum, das nur wenige Jahre nach dem Schloss entstand. Da wurden die gleichen Materialien verarbeitet, die aber total unterschiedlich gealtert sind. Somit waren auch die Restaurierungswege ganz andere.

Es gibt also keine Pauschallösungen, sondern man muss immer den Zustand des jeweiligen Objektes erfassen und für die Befunde, die die Situation vorgibt, einen Lösungsweg finden und Konzepte stricken. Obwohl es die gleichen Materialien aus der gleichen Entstehungszeit sind, haben sie trotzdem in den unterschiedlichen Räumen und ihrer unterschiedlich durchlebten Geschichte andere Alterungsprozesse hinter sich. Und darum muss man mit ihnen anders umgehen. Das ist für mich ein gutes Beispiel, an dem man erkennt, wie spannend das Thema Restaurierung ist, weil es jedes Mal neue und andere Herausforderungen gibt.

Wenn es darum geht, historische Befunde originalgetreu wiederherzustellen, dürfte es heute doch beispielweise deutlich schwieriger sein, eine Manufaktur zu finden, die Seidentapeten nach Ihren Vorgaben produziert, als zu Zeiten von Vater Franz, oder?

Robert Hartmann: Es gibt in Crimmitschau die Firma Eschke, die so etwas noch kann und sich darauf spezialisiert hat. Aber auch hier steht die Frage im Raum, wie lange das noch gehen wird, weil das Ehepaar Eschke inzwischen auch schon im fortgeschrittenen Alter ist und ich nicht weiß, wie es sich dort in Dingen wie Übernahme oder Erbschaft fügen wird. Aber vom Grundsatz her betrachtet wird es natürlich immer komplizierter, diese Gewerke und Technologien fortzuschreiben, damit sie auch für neue Generationen nach uns verfügbar sind. Wahrscheinlich muss man da viel stärker im europäischen Raum denken, weil eine Nation allein gar nicht mehr in der Lage sein wird, das zu gewährleisten. Es wird immer problematischer, das stimmt.

Wo sollte ich als Besucher beim Schlossrundgang unbedingt genauer hinsehen, um Dinge zu entdecken, die nicht sofort ins Auge fallen – als Geheimtipp, sozusagen?

Robert Hartmann: Wenn man ganz bewusst durch das Haus schreitet und seinen Blick nicht nur auf Highlights lenkt, sondern die gesamte Atmosphäre in sich aufnimmt, dann finde ich das etwas ganz besonderes. Weil man das Gefühl entwickeln kann, dass man hier noch etwas sehr ursprüngliches vor sich hat, das auch nicht durch Haustechnik verbaut wurde.

In vielen museal oder galeriemäßig genutzten historischen Bauten hat viel Überformung stattgefunden. Durch moderne Fenster, die klimatisch gesichert sind, durch Heizungsanlagen und alles Mögliche. All das wird man in Wörlitz nicht finden. Die Schiebeholzfenster sind heute noch so, wie sie bauzeitlich waren. Es gibt keine Heizung und keine Klimaanlage. Natürlich gibt es verlegte elektrische Leitungen, aber ganz wenige nur und ganz versteckt, und auch die Steckdosen sind versteckt. Aber der Besucher wird keine Haustechnik entdecken. Das finde ich schon sehr bemerkenswert.

Ist man da als Restaurator auch im Zwiespalt zwischen der Begeisterung, dass es so nah am historischen Bild ist und dem Wissen, dass die investierte Arbeit und Zeit damit eventuell auch ein früheres „Verfallsdatum“ hat?

Robert Hartmann: Wir wissen alle, dass nichts ewig hält. Man muss also mit allen Dingen so umgehen, dass sie gepflegt werden. Es wird jetzt in gewisser Weise den Kampf darum geben, dass ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um das, was man in diesen 20 Jahren wiederhergestellt hat, auch entsprechend zu pflegen. Durch Wartungsverträge, durch entsprechendes Monitoring, das dazu beiträgt, den Zustand möglichst zu erhalten.

Natürlich wird wieder etwas vergrauen, natürlich wird wieder etwas verschmutzen, natürlich werden sich Textilien auch wieder zersetzen – das ist einfach der Lauf der Natur, man kann es nicht aufhalten. Aber man kann es zumindest hinauszögern, indem man zum Beispiel auf Lichtschutz achtet. Das ist eines der Dinge, die wir gemacht haben, die den Besuchern aber nicht auffallen werden. Alle Fenster sind UV-geschützt. Es sind größtenteils die historischen Gläser, aber sie haben einen Schutz erhalten, so dass keine ultraviolette Strahlung in die Räume einfällt, die wir für unsere Optik nicht brauchen, aber Schäden verursacht. An besonders exponierten Stellen sind aber auch immer Lichtschutzrollos angebracht. Und es gibt Fensterläden, das Haus wird also ohnehin verdunkelt, wenn es nicht besucht wird. Es gibt also schon konservatorische Dinge, um Haltbarkeiten zu verlängern. Und klimatisch werden regelmäßig Messungen gemacht, so dass man schnell reagieren kann, falls es nötig werden sollte.

Man muss aber auch das Vertrauen haben, dass Dinge, die sich dort 250 Jahre unter den damaligen Voraussetzungen gehalten haben, bei entsprechend sorgfältiger Behandlung auch noch für die nächsten Generationen erhalten werden können. Ich bin da nicht so ängstlich, dass bald wieder irgendetwas Schaden nimmt. Man muss eben nur dran bleiben und auch weiterhin restauratorisch tätig sein. Dann sicherlich in anderen Formen, aber mit einer restauratorischen Reinigung, einer sehr sorgfältigen Oberflächenkontrolle und dem Monitoring kann man schon viel zum Substanzerhalt beitragen.

Wie geht es jetzt nach Abschluss dieser Mammutaufgabe in Sachen Restaurierung oder Sanierung im Gartenreich Dessau-Wörlitz weiter?

Robert Hartmann: Wir sind jetzt dabei, das Haus der Fürstin, das umgangssprachlich auch als Graues Haus bezeichnet wird, zu einem Ausstellungszentrum zu entwickeln. Da darf Haustechnik rein, da darf auch moderne Klimatechnik geschaffen werden, weil wir dort in der Lage sein wollen, auch Leihgabe zu präsentieren. Andere Museen haben teils sehr stringente Klimarichtwerte und würden Exponate daher nicht im Schloss Wörlitz zulassen. Da ist eben eine andere Raum- und Klimastruktur und letztendlich gehören dort auch keine fremden Leihstücke hin. Aber im Haus der Fürstin, das eigentlich keine eigene inhaltliche Ausrichtung mehr hat und in dem es bis auf sehr wenige Ausnahmen auch keine inhaltlichen Ausstellungsstücke gibt, lässt sich vieles machen, was an neuzeitlichen und wechselnden Ausstellungen möglich ist. Und oben gibt es dann den angrenzenden Galeriesaal, der noch in seiner Ausstattung sehr schön erhalten ist, mit all seinen Sammlungsschränken, Raumausmalungen und Graphikrahmen, der als besonderes Highlight eingebunden wird. Aber eben gekoppelt mit sehr modernen und flexiblen Ausstellungsräumen.

Es bleibt also spannend im Gartenreich?

Robert Hartmann: Im Gartenreich ist es immer spannend. Auch in Oranienbaum entwickelt sich einiges. Da ist gerade das Kaffeehaus von der Rüstung freigestellt worden, die Schlossfassade ist jetzt abgeschlossen. Wenn uns die Fördermittelgeber wohlgesonnen sind, wird als nächstes der nördliche Wirtschaftsflügel restauriert. Das ist inzwischen der einzige Bereich des Schlosses, der noch sehr im baulichen Missstand liegt und dann auch mit einer neuen Nutzung versehen werden soll.

Am Schloss Mosigkau finden gerade die Arbeiten im Ehrenhof statt, mit der Wiederherrichtung der Einfriedung. Auch mit vollkommen neuen Erkenntnissen über die Farbigkeit der Pfeiler, die nun in weiß erscheinen werden. Wir wissen inzwischen, dass auch das Schloss Mosigkau ursprünglich einen weißen Anstrich hatte, was sich in den Pfeilern wiederspiegelt. Künftig kann man das auf das gesamte Ensemble übertragen, aber das wird noch Zeit in Anspruch nehmen.

Wer das Gartenreich durchreist, wird eigentlich immer beobachten können, dass irgendwo etwas im Gange ist. Man sollte Baustellen auch nicht als Schreckgespenster sehen oder als Ärgernis empfinden. Sie sind ein Zeichen des Aufbruches und des Sich-Veränderns. Keine Veränderung im negativen Sinn, dass etwas verloren geht, sondern ganz im Gegenteil als Ausdruck dessen, dass die Gesellschaft die Kraft hat, solche Sachen zu ertüchtigen. Jede Baustelle ist also etwas positives, das nicht nur dem Objekt als solches gut tut, sondern eben auch Leute in Lohn und Brot hält und letztendlich die wirtschaftlichen Kreisläufe der Region mit ertüchtigt. Und sie sorgt dafür, dass man auch zukünftig noch genügend Restauratoren findet, die in der Lage sind, die Objekte zu pflegen und zu erhalten. Zu versuchen, Dinge, die in der Vergangenheit entstanden sind, im Kontext ihrer Zeit zu verstehen, sie aber auch in die Gegenwart mitzunehmen und in die Zukunft weiterzuführen. Und das ist wirklich eine schöne Aufgabe.

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